„Der Ansatz der Staatspräsidentin, die Bank of Tanzania vor einer Entscheidung eine Studie durchführen zu lassen, erscheint mir sehr sinnvoll“

Interview der Tansania-News mit Tobias Basse (NORD/LB) über die weltweit beachtete Anordnung von Samia Suluhu Hassan zur möglichen Einführung von Kryptowährungen in Tansania
Frage: Vor wenigen Tagen sorgte die neue Staatspräsidentin Tansanias, Samia Suluhu Hassan, international für Aufsehen, als sie als erstes afrikanisches Staatsoberhaupt der Bank of Tanzania den Auftrag erteilte, die Einführung von Kryptowährungen - wie Anfang Juni in El Salvador - als zusätzliches offizielles Zahlungsmittel zu prüfen. Die Bewertung des Bitcoins stieg nach der Ankündigung der Präsidentin sofort deutlich. Was könnte sie sich von ihrer Anordnung versprechen?
Tobias Basse: Die tansanische Regierung ist vermutlich in erster Linie daran interessiert, in Tansania Zahlungstechnologien nach dem modernsten Stand der Technik einzuführen. Ein fortschrittliches Finanzsystem kann in der Tat von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes sein.
Gibt es denn nach einem Faktencheck bei einer solchen Maßnahme tatsächlich einige Vorteile, von denen ein Land profitieren könnte, das einerseits zu den Ländern mit dem größten Wirtschaftswachstum und gigantischen Rohstoffvorkommen zählt, in dem andererseits aber immer noch die meisten Beschäftigten in der Landwirtschaft tätig sind und in dem die Schere zwischen Arm und Reich immer größer wird?
Ohne Zweifel könnte die Implementierung der Blockchain-Technologie ein wichtiger Schritt sein, um eine Wirtschaft im Hinblick auf Finanztransaktionen in die neue digitale Welt zu führen. Da der technische Fortschritt jedoch oft nicht allen Akteuren einer Wirtschaft gleichermaßen hilft, sind die Bedenken hinsichtlich der Verteilungseffekte zwischen Arm und Reich natürlich nicht ganz unbegründet.
Welche Nachteile oder Risiken sehen Sie?
Der Preis von Bitcoin ist sehr volatil, also ziemlich unbeständig. Daher wird Bitcoin von vielen Anlegern zunehmend nicht mehr als Währung gesehen, sondern eher als eine alternative Anlageklasse, also vielleicht eher als eine Art „neues Gold“. Die Tweets von Elon Musk, die den Preis von Bitcoin zunächst stark ansteigen ließen, bevor er dann wieder einbrach, dürften in letzter Zeit bei vielen Anlegern große Besorgnis ausgelöst haben. Dies könnte immer noch zu einem Problem für einen zukünftigen Erfolg von Bitcoin werden.

Befürworter sagen, dass im Vergleich zum Aufbau einer flächendeckenden Bankinfrastruktur im Land dies deutlich kostengünstiger und schneller mit Kryptowährungen zu realisieren sei. Sie meinen, dass sich Tansania die einmalige Gelegenheit bieten würde, "das ausgehende Zeitalter der Bankkonten zu überspringen" - in etwa vergleichbar dem Überspringen des Festnetzanschlusses vom guten alten Kurbeltelefon zum modernen Handy.
Die Einführung des Mobiltelefons war sicherlich ein großer Schub für Afrika. Ob das bei Bitcoin ähnlich gut funktionieren wird, lässt sich derzeit kaum realistisch vorhersagen. Der Ansatz der Staatspräsidentin, die Bank of Tanzania vor einer Entscheidung eine Studie durchführen zu lassen, erscheint mir daher sehr sinnvoll zu sein – schon allein deswegen, um Chancen und Risiken besser einschätzen zu können.
Inzwischen haben sich selbst Kryptowährungshändler in Tansania in der Öffentlichkeit skeptisch geäußert. Können Sie Bedenken nachvollziehen, wonach "abgesehen von sehr begrenztem Wissen über Kryptowährungen das größte Problem darin besteht, dass wir als Land keinen Broker oder gar keine Anlage- und Handelsberater haben, um als Nation den Einstieg in Blockchain oder Kryptowährung zu erleichtern“? Und dass "Kryptowährung nicht nur über keine kompetenten Broker verfügt, sondern auch volatil und teuer ist – was sich nachteilig auf die Inflationsrate des Landes auswirken könnte"?
In der Tat dürfte angesichts der Volatilität des Bitcoin-Preises vor allem der Mangel an qualifizierten Finanzberatern ein größeres Problem darstellen. Grundsätzlich könnten hier Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzkompetenz helfen.
Hat aus Ihrer Sicht die Covid-19-Pandemie dazu beigetragen, dass immer mehr Regierungen in den Ländern des Südens über Kryptowährungen diskutieren?
Covid-19 spielt hier sicher eine gewisse Rolle. Allerdings war in Südamerika bereits vor der Pandemie ein Interesse an Kryptowährungen zu beobachten. Die Angst vor dem Kaufkraftverlust der heimischen Währungen dürfte in diesem Kontext zumindest in einigen südamerikanischen Ländern von sehr hoher Bedeutung sein.

Für Laien ist die kontroverse Diskussion um Kryptowährungen oft nur schwer verständlich. Um vielleicht auf diesem Wege die Angelegenheit etwas zu verdeutlichen: Was würde eigentlich ganz konkret passieren, wenn die Bundesregierung morgen in Deutschland Kryptowährungen als offizielle zweite Landeswährung zulassen würde?
Da kann ich Ihnen leider nicht weiterhelfen, denn aufgrund der Mitgliedschaft Deutschlands in der Europäischen Währungsunion dürfte eine solche Maßnahme vollkommen unmöglich sein. Dies sollte auch für alle anderen Länder gelten, die den Euro eingeführt haben.
Abschließend Ihr ganz persönlicher Rat an die tansanische Staatspräsidentin? Technologieführerschaft ist immer mit Chancen und Risiken verbunden. Ich bin ein eher risikoscheuer Mensch. Daher würde ich, zumindest vorerst, weitere Erfahrungen aus El Salvador abwarten, bevor eine definitive Entscheidung getroffen wird. Darüber hinaus sollte auch geprüft werden, ob insbesondere die Blockchain-Technologie – und das bedeutet nicht notwendigerweise Bitcoin – eine gute Lösung für die zukünftige Entwicklung des Finanzdienstleistungssektors in Tansania sein könnte. Wenn die Regierung entschlossen ist, ein zweites offizielles Zahlungsmittel einzuführen, könnte anstelle von Bitcoin auch der US-Dollar in Betracht gezogen werden. Eine naheliegende und bewährte Alternative zu dieser Option wäre ein Currency-Board-System, das auf dem US-Dollar basiert.
Gibt es denn Beispiele von Ländern des Südens, die mit Tansania in etwa vergleichbar sind (laut Weltbank ein "Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich"), bei denen sich ein solcher Schritt bewährt hat? Und würde dies dem Wunsch der tansanischen Regierung gerecht werden, eher panafrikanische Lösungen zu finden als neue Abhängigkeiten vom nicht-afrikanischen Ausland herzustellen? Letzteres nicht zu tun scheint mir für die Präsidentin ja gerade ein wesentlicher Anreiz von Kryptowährungen zu sein.
Dollarisierung und Currency-Board-Systeme auf der Basis der US-Währung scheinen aktuell eher in einigen Staaten Mittel- und Südamerikas populär zu sein. El Salvador setzt beispielweise bereits seit 2001 auf den US-Dollar als Zahlungsmittel. Die Abhängigkeiten vom nicht-afrikanischen Ausland würde sich durch eine solche Lösung sicherlich nicht reduzieren – aber der Preis von Bitcoin dürfte wohl auch perspektivisch vor allem von Ereignissen beeinflusst werden, die nicht eng mit der Wirtschaftslage in Afrika verknüpft sind.
Tobias Basse, vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Rudolf Blauth für die Tansania-News am 22.6.2021
Zur Person

Tobias Basse, 47, ist Finanzanalyst und Volkswirt bei der NORD/LB in Hannover. Außerdem war und ist er für verschiedene akademische Institutionen tätig (u.a. als Professor für Corporate Finance am Touro College Berlin). Er promovierte an der Universität Paderborn mit einer Arbeit zu Kryptowährungen.









