Juli 2020: Tansania verlässt die Gruppe der ärmsten Länder der Welt

Für große Aufmerksamkeit in der tansanischen Politik- und Medienszene sorgte Anfang Juli 2020 die Nachricht der Weltbank, dass sie seit dem 1. Juli Tansania erstmals nicht mehr als "Land mit geringem Einkommen" (unter 1.046 USD jährliches Pro-Kopf-Einkommen) einstuft, sondern mit 1.080 USD (2019) in die höhere Kategorie "Land mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich" (1.046 USD bis 4.125 USD).

Magufuli: "Eine historische Leistung!"

Staatspräsident John Magufuli kommentierte die überraschende Nachricht wenige Monate vor den nationalen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen mit den Worten: "Ich gratuliere meinen Landsleuten zu dieser historischen Leistung. Wir hatten uns vorgenommen, diesen Status bis 2025 zu erreichen, aber mit großer Entschlossenheit war dies nun bereits im Jahr 2020 möglich. Gott segne Afrika!"

Mit dem Vorstoß in die höhere Kategorie "Länder mit mittlerem Einkommen im unteren Bereich" ist Tansania nun in einer Gruppe mit Kenia.
 

Kritiker: Kluft zwischen Arm und Reich wächst weiter

Tansanische Kritiker relativieren den wirtschaftlichen Erfolg: Das erfreulich angestiegene durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen sage nichts aus über die gerechte Verteilung der gestiegenen Einkommen. Tatsächlich sei in Tansania die Kluft zwischen Arm und Reich in den letzten Jahren weiter angewachsen.  Staatspräsidentin Samia Suluhu Hassan kündigte auf einer Kundgebung zum 'Tag der Arbeit' immerhin die Einführung eines Mindestlohns im kommenden Jahr an.

Ökonomen: Jetzt bessere Chancen auf dem Kreditmarkt

Ökonomen machen hingegen darauf aufmerksam, dass sich durch die höhere Einstufung der Weltbank für die Regierung die Möglichkeit verbessert, an günstigere Kredite zu kommen. Auch könnten sich positive Auswirkungen auf ausländische Investitionen ergeben.

Bis Corona konstantes Wirtschaftswachstum von 6-7 %

Tansania zählte trotz seiner wirtschaftlichen Erfolge lange Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt. Die vor mehreren Jahren eingeleiteten und von den Geberländern geforderten Strukturreformen brachten dann aber marktwirtschaftliche Verhältnisse und ein deutliches Einsetzen des Wachstums, das trotz der globalen Finanz- und Wirtschaftskrise mit 6-7 % (zweites Quartal 2019: 7,2 %) auf die Erschließung enormer Bodenschätze wie z.B. Gold, Diamanten, Gas, Nickel, Uran, Erdöl und vor allem Erdgas zurückzuführen war. Auch der Tourismus war in den vergangenen Jahren bis zum Beginn der Corona-Pandemie stark angestiegen und konnte auf ca. 1,5 Millionen Besucher (2018) pro Jahr gesteigert werden.

Im Zeitraum vom 1.-3. Quartal 2020 betrug das Wirtschaftswachstum trotz Corona immerhin noch 4,7 %, was hauptsächlich auf die Bereiche Bau, Transport in der Landwirtschaft und Bergbau zurückzuführen ist. Die tansanische Wirtschaft profitierte vom hohen Gold- und relativ niedrigen Ölpreis. So konnten die Verluste im Tourismus weitgehend ausgeglichen werden.
 

Prognose 2021: 5,7 % Wirtschaftswachstum trotz Corona

Die Bank of Tanzania rechnet trotz der Corona-Pandemie für 2021 mit einem voraussichtliches Wirtschaftswachstum in Höhe von mindestens 5,7 % "dank anhaltender öffentlicher Investitionen und einer Normalisierung des globalen Handels und der globalen Investitionen".  Sie verweist außerdem auf die positive Wirkung von "Maßnahmen zur Verbesserung des Geschäftsumfelds und der Kreditvergabe an den privaten Sektor".

Als positive Faktoren wurden außerdem eine stabile Inflationsrate von derzeit knapp über 3 %, die ausreichende Versorgung des Landes mit Nahrungsmitteln, der stabile Wechselkurs, moderate Ölpreise und eine umsichtige Geld- und Fiskalpolitik genannt.

Hohe Einnahmeverluste im Tourismus könnten durch gestiegene Exporte, insbesondere in den Bereichen Gold und Cashewnüsse, weitgehend ausgeglichen werden. 

Tansania gehört heute zu den Ländern mit dem höchsten Wirtschaftswachstum weltweit

Im Gegensatz zu fast allen Nachbarländern hat die tansanische Regierung von Beginn an keinen Lockdown verhängt. Die Corona-Pandemie gilt offiziell bereits seit dem 29. April als besiegt.

Tansania gehört heute weltweit zu den Ländern mit dem größten Wirtschaftswachstum.
 

Kritik am Abbau demokratischer Grundrechte

International kritisiert wird der Abbau demokratischer Rechte im Land. Amnesty International, Human Rights Watch und andere Menschenrechtsorganisationen beschuldigen den Präsidenten, oppositionelle politische Gruppen, unabhängigen Journalismus und Nichtregierungsorganisationen zu ersticken und ein zunehmend repressives Regime zu schaffen. Anfang Oktober 2020 veröffentlichte Amnesty seine jüngste kritische Stellungnahme. Statement von Amnesty International (10/2020)

Der weltweite Global Peace Index 2019 sieht Tansania auf Rang 54 von insgesamt 163 bewerteten Ländern - und damit noch weit vor Frankreich (60) und den USA (128). Tansania wird als "friedliches Land" eingestuft.