"Ohne dieses Gebäude ist Stonetown Sansibar nicht denkbar"

Interview mit dem Denkmalschutz- und Sansibar-Experten Uli Malisius über den überraschenden Zusammenbruch des ehemaligen Sultanspalastes von Sansibar am 25. Dezember 2020


Uli Malisius, wenn Sie sich die Fotos vom zusammengebrochenen 'House of Wonders' auf Sansibar anschauen, was geht Ihnen da durch den Kopf?

Der Einsturz sieht schon ziemlich drastisch aus, zumal auch der Turm kollabiert ist. Drastisch ist auch die Tatsache, dass der Einsturz auf einen Schlag erfolgte und nicht stückweise, wie es normalerweise geschieht. Es gibt drei Möglichkeiten, wie das Ganze passiert sein könnte: 1. Zuerst ist der Clocktower eingestürzt und hat dann alles andere mitgerissen. 2. Die umlaufende Veranda ist eingestürzt und hat den Turm mitgerissen. 3. Alles ist gleichzeitig eingestürzt.

Welche Variante ist die Wahrscheinlichste?

Das ist aus der Entfernung schwer zu sagen. Es wäre interessant zu wissen, was Augenzeugen beobachtet haben. Es würde mich aber nicht wundern, wenn zuerst die Veranda eingestürzt ist. Denn ich habe schon im Jahr 2013  die eingestürzte Veranda an der rückwärtigen Fassade des Gebäudes gesehen. Damals ging der Verfall sichtbar los, und zwar dort, wo die Denkmalschutzbehörde von Sansibar ihre Tischlerwerkstatt hat. Kurioserweise stürzte die Veranda damals auf den darunter stehenden Pickup der Behörde und demolierte ihn.

Warum brach schon damals die Veranda zusammen?

Vermutlich wegen mangelnder Bauunterhaltung und einer Durchfeuchtung der Konstruktion durch Regen. Es war nicht zu übersehen, dass eine Veranda dieser Spannweite ein instabiler Bauteil sein kann, wenn sie nicht gut an festen Wänden verankert ist oder keine diagonalen Aussteifungen hat. Das ist ein sehr sensibler Bereich für die Statik, das kennen wir auch von Fachwerkhäusern.
 

Wie kann eine italienische Baufirma weit über ein Jahr an dem historischen Gebäude arbeiten, ohne darauf zu achten?

Das ist aus der Ferne betrachtet in der Tat unerklärlich. Auf Fotos, die vor dem Kollaps aufgenommen wurden, kann man deutlich sehen, wie der jetzt eingestürzte Bereich eingerüstet war. Man sieht ganz klar an den dünnen Eisenrohren und schwachen Stützen, dass es nur ein paar Bauarbeiter tragen kann, die an der Fassade arbeiten wollen. Es kann aber keine statische Funktion im Sinne einer Entlastung einsturzgefährdeter Bauteile übernehmen. Dazu ist dieses Gerüst gar nicht geeignet. Die Verstärkung von Unterzügen, Balken und Absprießungen mit kräftigen zusätzlichen Säulen fehlt. Auf den Fotos erkennt man im ersten und zweiten Obergeschoss rote Balken aus Holz oder aus Eisen. Das sieht aus wie eine angedachte Verstärkung der Träger – aber ein Gerüst dieser Bauart darunter konnte das Ganze gar nicht tragen.

Warum hat man das nicht gesehen?

Das dürfte Gegenstand der Untersuchung sein. Vielleicht gab es eine Fehleinschätzung der Gefahr, vielleicht hat man schon bei der Schadensanalyse oder der Maßnahmenplanung nicht gut gearbeitet. Oder man wollte beim Gerüst ganz einfach Geld sparen.
 

Hat denn die italienische Baufirma den Auftrag nach einer Ausschreibung bekommen?

Ich gehe davon aus, dass es eine Form von Auswahlprozess gab. Zwar hat es hier vermutlich keine Ausschreibung auf EU-Niveau gegeben, wie sie bei uns üblich ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass das Sultanat Oman, das im eigenen Land einen weltweit guten Ruf in Sachen Denkmalschutz vorweisen kann, unter der Hand irgendeine beliebige Firma aus Italien aussucht.

Ist die italienische Baufirma haftbar zu machen?

Das ist eine Frage der Verträge und wird sicherlich juristisch geprüft. Tansania hat dies auch schon in anderen vergleichbaren Fällen getan und die Verantwortlichen anschließend vor Gericht gestellt. Es geht aber nicht alleine um die Baufirma, es muss ja einen Vorlauf mit Gutachten von Experten und Fachingenieuren gegeben haben, die eine präzise Diagnose des Gebäudezustandes liefern mussten, und danach eine Planung der richtigen Maßnahmen. Diese muss dann die Baufirma unter fachlicher Aufsicht ausführen. Wo im Prozess Probleme und Fehler aufgetreten sind, kann man aus der Ferne natürlich nicht beurteilen.
 

Die Altstadt von Sansibar ist UNESCO-Weltkulturerbe. Warum ist die UNESCO nicht rechtzeitig eingeschritten?

Die UNESCO hat kein Ausführungsmandat und damit auch keine unmittelbare Verantwortung. Zuständig ist alleine die jeweilige Regierung. Die UNESCO hat im wesentlichen nur eine beratende Funktion, beispielsweise in Fragen des denkmalschutzgerechten Wiederaufbaus oder des Managements eines Weltkulturerbes. Sie kann nicht kontinuierlich weltweit alle Renovierungsmaßnahmen kontrollieren. Sie ist in der Regel  auf übergeordneter Ebene tätig.

Und welche Rolle spielt die Denkmalschutzbehörde von Sansibar?

Das 'House of Wonders' ist für diese Behörde ein sehr schwieriger Komplex. Bezüglich Größe und Konstruktion ist er vollkommen untypisch für Sansibar. Ich habe früher noch selbst Mitarbeiter der Stonetown Authority ausgebildet. Ich weiß nicht, ob auch ihre Nachfolger für dieses Gebäude speziell geschult wurden. Aber sie muss natürlich mit dafür sorgen, dass Arbeiten an einem so wichtigen Gebäude qualifiziert durchgeführt werden. Ansonsten hat die Behörde auch eine koordinierende Funktion zwischen fachlicher und politischer Ebene.
 

Wie geht es mit dem Wiederaufbau des 'House of Wonders' jetzt weiter?

Zuerst gibt es eine Diagnose der Schäden und eine Ursachenforschung. Dann folgt der Analyse- und Planungsprozess. Dazu werden alle vorhandenen schriftlichen Dokumente herangezogen und ein Expertenteam mit Architekten, Bauingenieuren, Statikern und Denkmalschutzexperten eingerichtet. Danach kann man mit der Regierung einen Fahrplan für den Wiederaufbau erstellen mit allen nötigen technischen und finanziellen Schritten.

Ist der Wiederaufbau schwierig?

Nein, technisch ist das sicher machbar. Alle Baupläne sind vorhanden. Und es ist auch nur eine Teilrekonstruktion. Der Kern des Gebäudes steht ja noch teilweise. Die Kosten werden aber vermutlich grob geschätzt auf circa 10 Millionen Euro ansteigen. Denn jetzt addieren sich das Aufräumen, die Notsicherung des Restgebäudes, die erneute Untersuchung und Planung, der Wiederaufbau des kollabierten Teils und die Restaurierung des stehen gebliebenen Teils.

Entscheidend ist, dass ein qualifiziertes Projektmanagement durchgeführt wird und dass eine qualifizierte Baufirma unter Supervision die Arbeiten ausführt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Vertreter des Sultanats Oman auf einem verlässlichen Projektmanagement bestehen werden, sonst kann es wieder Probleme geben. Für beide Regierungen, Oman und Sansibar, hat das Projekt einen extrem hohen Symbolcharakter. Und es gibt bei einem ehemaligen Sultanspalast auf Sansibar große politische Befindlichkeiten.
 

Wie viele Jahre könnte der Wiederaufbau dauern?

Die Frage kann ich ohne Kenntnis der Schadensdiagnose natürlich nicht exakt beantworten. Ich schätze aber, dass es rein bautechnisch gesehen innerhalb von zwei bis drei Jahren möglich sein sollte. Wie lange der davor nötige Vorbereitungs- und Planungsprozess dauert, hängt von den Beteiligten ab.

Sollte das Gebäude im Original wiederaufgebaut werden?

Unbedingt! Ich sehe keinen Grund für große Änderungen. Kompromisse wären vielleicht bei den sanitären Einrichtungen für die Nutzung als Museum  möglich.

Aber ansonsten: Die berühmte große Eingangstür ist wohl noch vorhanden, die Stahlstützen sind vermutlich nicht stark beschädigt und könnten für die Rekonstruktion der Veranda wieder verwendet werden. Falls einige der gusseisernen Stützen nicht mehr verwendbar sind, könnte man an der kaum sichtbaren Rückseite des Gebäudes auch neue Stahlstützen einsetzen. Auch das Dach ist technisch kein Problem, muss aber sorgfältig mit Entwässerung geplant werden. Und mit dem Museum gibt es ja bereits ein vernünftiges und nachhaltiges Nutzungskonzept.

Beim Mauerwerk aus Korallenstein muss man sicher überlegen, ob man dieses an manchen Stellen durch Stahlbeton verstärkt oder ersetzt, vor allem für den Turm wäre das sicher besser.
 

Welche Bedeutung hat das 'House of Wonders' für Sansibar?

Das Gebäude ist die große bauliche Landmarke von Sansibar. Man sieht den Palast von Land und von Wasser. Die politische und historische Bedeutung des ehemaligen Sultanspalastes ist enorm. Ohne dieses Gebäude ist Stone Town nicht denkbar, es ist vergleichbar zum Beispiel mit der Anglikanischen Kathedrale über dem ehemaligen Sklavenmarkt. Das 'House of Wonders' symbolisiert in einzigartiger Weise die ganze Pracht und Macht des Sultanats, aber eben auch die schreckliche Vergangenheit der Sklaverei und des Feudalismus in Sansibar.

Auch muss man die Rolle sehen, die das Gebäude als Ensemble mit den anderen Gebäuden und den 'Forodhani Gardens' und der Wasserfront bildet: eine der schönsten und belebtesten urbanen Plätze und Zentren Afrikas.

Eine Besonderheit ist auch die Tatsache, dass der Palast am 27.8.1896 von der britische Marine in Schutt und Asche geschossen und danach umgehend wieder aufgebaut wurde. Den ursprünglich vom Gebäude abgetrennte Clocktower hat man dabei in die Front des Gebäudes integriert.

Das 'House of Wonders' hat für Sansibar eine Bedeutung wie der Eiffelturm für Paris oder der Dom für Köln.

Uli Malisius, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Rudolf Blauth (Freundeskreis Bagamoyo e.V.) am 28.12.2020.
 


Zur Person

Uli Malisius, Dipl.-Ing. Architekt und Stadtplaner, Diplom-Technologie in den Tropen; Entwicklungshelfer, Gutachter und Berater für Ghadames/Libyen und Sanaa/Jemen (jeweils UNESCO-Weltkulturerbe); Stadtkonservator in Röros/Norwegen (UNESCO-Weltkulturerbe); 1981-87 Stone Town Conservation Zanzibar (DED), Aufbau der Denkmalbehörde Stone Town; 2000-01 Boma Conservation Plan Bagamoyo (DED); 2002-2007 CIM-Integrierter Experte in Sucre, Bolivien (kommunale Dezentralisierung); 2008-2010 Regierungsberater für kommunalen Umweltschutz in Tansania (Danida); 2010/2011 Teamleiter Altstadtsanierung Damaskus, Syrien (UNESCO-Weltkulturerbe)(GIZ); 2013-2016 Kommunaler Umwelt- und Klimaschutz in Indonesien (GIZ); 2018-2019 Berater für kommunale Planung in Paraguay (CIM/GIZ). Mitglied des Freundeskreises Bagamoyo e.V.; Vortragsreise durch Deutschland mit Mwalim A. Mwalim (Leiter der Denkmalschutzbehörde Sansibar) und Zusammenarbeit mit Donatius Kamamba (langjähriger Leiter der nationalen Denkmalschutzbehörde von Tansania). Veröffentlichung: "The Stone Town of Zanzibar".