Corona: "Ich blicke voller Sorge nach Bagamoyo"

Voller Sorge blicken die Mitglieder des Freundeskreises Bagamoyo e.V. in diesen Tagen nach Bagamoyo: Auf dem afrikanischen Kontinent steht die Verbreitung des Coronavirus zwar noch relativ am Anfang, steigt jedoch täglich an. Und es trifft auf ein weitgehend unvorbereitetes Gesundheitssystem.

Man schätzt, dass auf die circa 50.000 Einwohner von Bagamoyo ein einziger Arzt kommt, die aktuellen Zahlen sind nicht bekannt. Es gibt nur sehr wenige Corona-Testmöglichkeiten, keine Intensiv-Pflegebetten europäischen Standards, und landesweit ist gegenwärtig nur in wenigen Regionen überhaupt eine medizinische Behandlung möglich.

Inzwischen wird auch von den ersten Corona-Erkrankungen in Bagamoyo berichtet. Leider informiert die Regierung seit dem 22. April jedoch nicht mehr über die Verbreitung und Auswirkung der Pandemie in den einzelnen Regionen. Und die Bevölkerung ist vorsichtig geworden: Jede falsche Information oder auch jede Kritik an der Gesundheitspolitik der Regierung kann zur sofortigen Verhaftung und Verurteilung mit anschließender Gefängnisstrafe führen.

"Ich mache mir große Sorgen über die hygienischen Zustände im Krankenhaus"

Vor wenigen Monaten hat Rita Pöppinghaus-Voss im Rahmen der Städtefreundschaft Ahlen-Bagamoyo die geschichtsträchtige Stadt am Indischen Ozean besucht. Die Stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Ahlen arbeitet selbst als OP-Krankenschwester in Hamm/Westf. und macht sich nach ihrem Besuch im Bagamoyo District Hospital „große Sorgen, wie angesichts der dort herrschenden hygienischen Zuständen am Coronavirus erkrankten Patienten geholfen werden soll“. Notwendig sei „eine strikte Trennung zwischen infizierten und nicht-infizierten Patienten“, was sie sich in Bagamoyo „nur sehr schwer vorstellen kann“.
 

Tatsächlich zählt das Bagamoyo District Hospital nicht zu den Krankenhäusern, in denen eine Aufnahme von Corona-Erkrankten vorgesehen ist. Doch den Bewohnern von Bagamoyo wird sich bei einer weiteren Verbreitung des Virus wohl kaum eine Alternative zum eigenen, sehr ärmlich ausgestatteten Hospital stellen: Das Kapazitäten des nächstgelegenen Krankenhauses in Daressalam werden bereits für die über 5 Millionen Einwohner der Metropole kaum ausreichen.

"Die Infektionskrankheit ist schon viel früher in Afrika angekommen"

Prof. Dr. Carsten Krüger, Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendliche am St. Franziskus Hospital Ahlen, hat viele Jahre die Kinderklinik des Haydom Lutheran Hospital am westlichen Ende der Manyara Region in Tansania geleitet und reist auch jetzt immer noch regelmäßig nach Ostafrika. Er traut den offiziellen Angaben nicht und glaubt, dass „die Infektionskrankheit schon viel früher in Afrika angekommen ist. Man denke nur an die hunderttausenden chinesischen Arbeiter. Es wird eben nicht getestet, deswegen gibt es keine Daten.“
 

Der Kinderarzt stuft Kinder in Tansania ähnlich wie in Deutschland zwar „als nicht besonders gefährdet ein“, macht einschränkend jedoch auf unterernährte Kinder aufmerksam, „die eventuell eine Risikogruppe darstellen könnten“. Nach UN-Angaben sind gegenwärtig 58 Millionen Kinder in Afrika unterernährt.

Schulspeisung erst einmal auf Eis gelegt

Zur körperlichen Stärkung der Kinder hat Helga Rohden, ehemalige Rektorin der Marienschule, im Rahmen der Schulpartnerschaft mit der Mwambao Primary School in Bagamoyo bereits im Jahr 2008 eine Grundversorgung mit warmem Maisbrei für täglich bis zu über 300 Kindern auf die Beine gestellt. Das Projekt finanziert sich fast ausschließlich aus Spenden, ist gegenwärtig jedoch nach der landesweiten unbefristeten Schließung aller Schulen auf Eis gelegt.
 

Rohden: „Ich blicke voller Sorge nach Bagamoyo. Es sind vor allem Schüler aus den ärmsten Familien und auch viele Aids-Waisen, die von uns gegenwärtig nicht mehr mit Porridge versorgt werden können. Sobald die Schule wieder beginnt, sind wir natürlich sofort wieder am Start.“

Gemeinsam mit dem örtlichen ehemaligen Schulrektor Jumanne Mwegeo und dem Freundeskreis Bagamoyo überlegt sie in diesen Tagen, wie durch ein anderes Hilfsprojekt den Menschen in Bagamoyo konkret geholfen werden kann. Bislang gibt es hierbei aber noch keinen konkreten Ansatzpunkt.

Ein großer Arbeitgeber in Bagamoyo sind die Touristenhotels. Zu den von den Reiseeinschränkungen betroffenen Hotels zählt auch die Travellers Lodge, deren deutsch-südafrikanische Besitzer selbst Mitglieder im Freundeskreis Bagamoyo sind. Trotz der Krise soll die Lodge weiter geöffnet bleiben, gleiches gilt für ihr Restaurant, das unter ausländischen Besuchern sehr beliebt ist.
 

In Bagamoyo bleiben auch fast viele andere Hotels trotz zahlreicher Stornierungen und fehlender Einnahmen erst einmal weiter geöffnet. Tansanische Tourismusverbände fordern schon seit Wochen von der Regierung ein nationales Rettungspaket. Der landesweite Tourismus mit seinen angestrebten 2 Millionen Besuchern im Jahr 2020 sei komplett zusammengebrochen. Kredite, Steuerbefreiungen und reduzierte Pachtkosten könnten helfen.

Nkwabi kommt in diesem Jahr nicht nach Deutschland

Viele Tansania-Freunde kennen Nkwabi, der als ehemaliger Dozent am Bagamoyo College of Arts jährlich nach Deutschland kommt, um überwiegend an Schulen Pantomime-, Trommel- und Tanzkurse zu unterrichten, um an deutsch-tansanischen Kulturprojekten teilzunehmen und über sein Heimatland zu informieren.

In diesem Jahr wird Nkwabi nach 28 Jahren erstmals nicht nach Deutschland reisen. Gegenwärtig ist tansanischen Staatsbürgern die Ausreise nicht gestattet, der gesamte Flugbetrieb von und nach Tansania wurde eingestellt, und die Veranstaltungsreihe „Wie weit ist Afrika?“ der VHS Ahlen wurde bereits abgesagt.

Sein Bericht über das wachsende Problembewußtsein der Bevölkerung macht etwas Mut. Fast jeder Tansanier verfügt über ein Handy mit Internetanschluss – da sind die empfohlenen Vorsorgemaßnahmen aus dem restlichen Teil der Welt oft wirksamer als die meist eher zurückhaltenden Ratschläge der Regierung.
 


"Wir vertrauen der Regierung"

Interview mit Nkwabi (Bagamoyo/Tansania)


Hallo Nkwabi, wie sieht es in Sachen Corona aktuell aus?
Nkwabi:
Wir haben bisher in Bagamoyo noch keinen Fall. Bei einer befürchteten Infektion hat es sich um TB gehandelt. Die Einwohner von Bagamoyo verhalten sich sehr vorsichtig. Die meisten Menschen bleiben zu Hause und fahren nicht nach Daressalam. Ich beobachte, dass man jetzt vorsichtig geworden ist.

Was wird ganz konkret als Vorsorge unternommen?
Schon länger finden in Tansania keine Veranstaltungen mehr statt. Hochzeiten, Geburtstage und sonstige Feiern gibt es nur noch im Kreise der Familie. Dazu wird kein Fremder mehr eingeladen. Die Kindergärten, Schulen, Colleges und Universitäten sind noch bis kommenden Sonntag geschlossen. Vermutlich wird diese Schließung verlängert. Ansonsten wäscht man sich extrem viel die Hände. Überall kann man das Händewaschen beobachten, selbst innerhalb der Familie. Es wird kein Büro, kein Geschäft, kein Restaurant mehr ohne Händewaschen betreten. Dafür wird eine spezielle, reinigende Flüssigkeit verwendet.
 

Aber die Ostergottesdienste fanden am vergangenen Wochenende alle statt?
Ja. Aber man sollte sich vorher die Hände waschen und in der Kirche nicht zu dicht zusammensitzen. Viele sind aber auch zu Hause geblieben und haben in ihrer Wohnung gebetet. In Bagamoyo kamen nicht so viele Menschen zu den Gottesdiensten wie im letzten Jahr.

Wie sieht es beim Bagamoyo College of Arts aus?
Auch das College ist noch bis Sonntag geschlossen. Wir rechnen damit, dass es auch noch länger dicht bleibt. Das Festival im September ist weiterhin geplant. Bis dahin ist ja noch Zeit.

Was machen eigentlich die vielen Kinder, wenn ihre Schulen geschlossen sind?
Na ja, die Eltern kümmern sich um sie, damit sie nicht einfach draußen herumlaufen. Das sind harte Zeiten für Eltern! Die Lehrer haben zu den Eltern meist keinen Kontakt. Bei den einfachen Familien funktioniert das nicht über das Internet. Beim College gibt es aber ein „Group Network“ über WhatsApp oder andere Internetkontakte.

Haben die Menschen Angst vor dem Virus?
Einige haben wirklich Angst. Sie beten „Go away!“ und bleiben ganz zu Hause. Mehr Leute haben eher Angst vor der Pleite. Wie sagt man hier? „Business is not fine!“ Ansonsten vertrauen wir unserer Regierung. Wenn man ihren Anweisungen folgt, kann nichts passieren.

Nkwabi, vielen Dank für das Gespräch und bleib gesund!
Das Interview führte Rudolf Blauth am 14.4.2020
 

Zur Person:
Nkwabi, 66, Diplom-Pantomine, Schauspieler, Trommel- und Tanzlehrer, langjähriger Dozent am Bagamoyo College of Arts, ehemaliger künstlerischer Direktor der Bagamoyo Players (Nationalensemble Tansania). Mitwirkender an mehreren Kinder- und Jugendmusicals der Musikschule. In den vergangenen 28 Jahren hat Nkwabi mit über 20.000 Ahlener Schülern Trommel-, Tanz und Pantomimekurse durchgeführt. Aktuell arbeitet er in Tansania als Hauptdarsteller in einer beliebten TV-Serie.


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