"Das Publikum erlebt, wie ausschließlich Frauen tanzen und trommeln"
Daniel Benno Msangia über die Beteiligung der "Wagogo
Queens" aus Tansania am gerade beendeten KlangWelten Festival 2008
Frage: Mr. Msangia, was ist genau Ihre Funktion bei der
Tournee?
Msangia: Ich bin von Beruf Journalist und begleite die "Wagogo Queens" bei ihrer zweiten Teilnahme am KlangWelten Festival nach 2003. Ich selbst bin schon das dritte Mal in Deutschland, 1998 habe ich an einer Radiojournalisten-Ausbildung teilgenommen. Im Jahr 2003 sind die "Wagogo Queens" in 36 Städten aufgetreten.
Können Sie uns etwas mehr über den Charakter der Gruppe informieren? Kommen die Künstlerinnen alle aus der selben Gegend, handelt es sich um Profis, treten sie öfter im Ausland auf?
Alle Gruppenmitglieder kommen aus dem selben Dorf, aus Nzali in der Dodoma Region. Das Ensemble besteht eigentlich aus 150 Mitwirkenden und fast alle sind miteinander verwandt oder verschwägert. Die Gruppe tritt immer in einer anderen Zusammensetzung auf: Im vergangenen Jahr sind wir mit 50 Leuten in Spanien auf Tournee gegangen und auch jetzt sind andere Künstlerinnen beteiligt als 2003.
Wie leben die "Wagogo Queens" in ihrem Dorf?
Sie gehen ganz normal ihrem Alltag nach. Die Musik ist dort noch Bestandteil des Alltagslebens und die Lieder und Tänze erfüllen noch eine Funktion: Es sind Erntelieder oder Lieder für bestimmte Zeremonien wie Hochzeiten oder Todesfälle, aber auch Lieder über den ganz normalen Alltag auf einer Farm mit viel Arbeit, dem Aufpassen auf die Kinder etc.
Spielen im Dorf immer alle Musiker gemeinsam?
Nein, es gibt eigentlich drei Gruppen im Dorf: Die jungen Leute, die miteinander musizieren, die Frauen und eine gemischte Gruppe von Jung und Alt, Mann und Frau. Da werden dann ganz unterschiedliche Trommeln gespielt - es gibt z.B. spezielle Frauentrommeln, die auch jetzt während der Tournee gespielt werden - das Daumenklavier, die Zeze. Manchmal singt man drei Tage lang ununterbrochen.
Eigentlich interessieren sich jüngere Leute doch eher für modernen Pop oder für Bongo Flava, den tansanischen Hip Hop?
Was sich in den Wagogo-Dörfern abspielt, würde ich durchaus auch als "modern" bezeichnen: Die Lieder und Tänze werden von Generation zu Generation weitergegeben und ich sehe es als meine Mission als Journalist an, dazu beizutragen, dass unsere eigene, unsere tansanische traditionelle Musik wieder Einklang findet in das nationale Radio und Fernsehen. Was haben denn die Songs aus den USA oder aus dem Kongo mit dem Alltagsleben bei uns auf dem Lande zu tun?
Es ist also durchaus möglich, jüngere Menschen auf dem Land wieder für die traditionelle Musik zu begeistern?
Ja, absolut! Und es klappt wirklich hervorragend. Die Jungen hören den Alten zu und imitieren ihre Musik. Sie hätten mal sehen sollen, wie begeistert Jung und Alt auf den spanischen Bühnen aufgetreten sind.
Wie gefällt den "Wagogo Queens" die jetzige Tournee?
Sie finden sie wundervoll. Einige sind noch nie außerhalb von Tansania gewesen, einige waren schon 2-3 mal in Europa und leiten die Neulinge an. Allerdings ist das kalte Wetter eine echte Herausforderung und einige waren leider auch schon etwas krank und hatten Kopfschmerzen. Aber das haben wir in den Griff bekommen. Auch das deutsche Essen war für einige etwas gewöhnungsbedürftig. Es gibt hier halt kein Ugali. Und natürlich genießen alle den Kontakt mit den Künstlern aus den anderen Ländern.
Was halten Sie vom deutschen Publikum?
Schon im ersten Lied wird das Publikum von den Queens direkt angesprochen mit der Bitte, unseren Songs zuzuhören. Dann schildern die Sängerinnen ihre lange Reise von Dodoma über Nairobi und Dubai nach Frankfurt und bedanken sich musikalisch für die hier erlebte Gastfreundschaft. Ansonsten ist es toll, dass das Publikum immer schon klatscht, wenn die "Queens" auch nur auf die Bühne gehen - und am Schluss gibt es immer eine Zugabe.
Was ist das Besondere an den "Wagogo Queens"?
Es ist eine 100%ig authentische Musik aus einer ländlichen Region Tansanias, und das deutsche Publikum erlebt erstmalig, wie ausschließlich Frauen trommeln und tanzen. Normalerweise erleben sie ja nur männliche Trommler aus Afrika. Afrika ist aber vielschichtiger, als manchen bewußt ist.
Kennen die "Wagogo Queens" eigentlich Hukwe Zawose?
Was für eine Frage! Er war ein Weltstar, der auf allen Kontinenten berühmt war. Er kommt übrigens aus Bigiri, einem Nachbardorf von Nzali, wo die "Wagogo Queens" herkommen. Ich werde es nie vergessen, wie wir 2003 von unserer letzten Tour aus Deutschland in Dar ankamen: Genau an diesem Tag starb Zawose und uns alle erfüllte große Trauer. Als Journalist habe ich übrigens erst vor kurzem einen Kollegen nach Bagamoyo geschickt, um dort eine Repportage über die gegenwärtige Situation der Familie Zawose zu machen.
Wann kehren Sie nach Tansania zurück?
Am 22.12. fliegen wir nach Tansania zurück. Vorher haben noch alle Tansania-Freunde viele Gelegenheiten, ein KlangWelten Konzert mit den "Wagogo Queens" zu besuchen!
Mr. Msangia, vielen Dank für das Gespräch!
(Das Gespräch führte Rudolf Blauth am 17.11.2008)
Zur Person:
Daniel Benno Msangia stammt aus der Musoma Region, arbeitete mehrer Jahre in Singida und Mara und lebt z.Zt. in Dodoma. Er arbeitet für Tanzania Broadcast Corporation (Radio Tanzania, TV Tanzania) und managt und begleitet die "Wagogo Queens".
Aus der Pressekritik:
„Eine überwältigende Bühnenperformance“
„Die vier Wagogo-Trommlerinnen aus Tansania, dieses Jahr in neuer Besetzung, eröffneten die Veranstaltung mit einer überwältigenden Bühnenperformance, zusammengesetzt aus Trommelspiel, Gesang und Körpereinsatz. Sie versetzen den Zuhörer in eine ursprüngliche afrikanische Welt.“
(„Allgemeine Zeitung“ Bad Kreuznach vom 18.11.2008)
„Tänze voller Lebensfreude“
“Zunächst verbreiten die archaischen Trommelgesänge der vier Wagogo Queens gute Laune und einen Einstieg in die polyphone Musik Afrikas. Ihre aus der Naturtonreihe gespeisten kanonartigen Ruf-Antwort-Gesänge garnieren sie mit spitzen Schreien und mitreißenden Tänzen voller Lebensfreude. Dagegen müssen die Instrumentalisten erst einmal anspielen.“
(„Rhein-Main-Presse“ vom 16.11.2008)



