„Mir geht es darum, die Schönheit und die Großartigkeit des Ökosystems darzustellen“

Interview mit dem Tierfilmer Dr. Reinhard Radke

Reinhard Radke, wie lange haben Sie an dem Serengeti-Film gedreht?
Das Projekt lief von 2006 bis 2010. Gedreht wurde 2008 und 2009, wobei wir sechs Drehreisen durchführten, vier nach Tansania, zwei nach Kenia. Insgesamt waren wir etwa acht Monate vor Ort.

Die Masai Mara kommt in dem Film also auch vor?
Natürlich. Schließlich gehört sie zum Serengeti-Ökosystem, das nicht durch die Parkgrenzen definiert wird, sondern durch die Wanderrouten der riesigen Gnu-Herden.

Ist Ihr Film eher ein Tier, ein Natur- oder ganz allgemein ein Ökofilm?
Das ist schwer voneinander zu trennen. Sicher von allem etwas. Ich kann aber deutlich sagen, was mein Film nicht ist: Er gaukelt keine Fiktion vor, dass man einzelnen Tieren als „Schauspielern“ folgen kann. So etwas wäre unglaubwürdig. Ich zeige vor allem den Zug der Gnus, die das Publikum in die verschiedenen Regionen der Serengeti führen. Bestimmte Tiere stehen beispielhaft für bestimmte Regionen der Serengeti.
 

Es werden keine Gnus einzeln herausgestellt?

Nein, und man würde damit den Gnus auch nicht gerecht werden. Es sind nun mal Massentiere, die ich wirklich sehr bewundere. Ich hoffe, dass auch das Filmpublikum voller Andacht und Ehrfurcht die Leistung dieser Tiere nachvollziehen kann. Sie müssen während ihrer Wanderung unglaubliche Strapazen erleiden. Der Film zeigt, wie sie es als Herde dennoch schaffen. Ich bin im Film also keinem einzelnen Gnu gefolgt, durchaus aber bestimmten Gruppen wie z.B. den Gnu-Müttern mit ihren Kälbern.

Welche anderen Tiere spielen in dem Film eine Rolle?
An den Raubkatzen kommt man bei einem solchen Film natürlich nicht vorbei. Es gibt sowohl eine Löwen- als auch eine Gepardenepisode. Und auch die Krokodile kommen vor, die im Westen und Norden des Ökosystems für die Gnus eine große Gefahr darstellen.

Die Serengeti als Ökosystem sieht sich eigentlich immer irgendwelchen Gefahren ausgesetzt. Sprechen Sie solche Themen an?

In einem großen Zusammenhang: Das Serengeti-Ökosystem hängt von den Gnus ab und die Gnu-Herden brauchen viel Platz zum Wandern. Der enorme Bevölkerungsdruck in Tansania und Kenia, der die Wanderrouten bedroht, ist allgemein bekannt. Mein Film bevormundet nicht den Zuschauer. Ich mag es nicht, wenn man in einem Film mit der verbalen Keule zum Ausdruck bringt, dass „alles den Bach runtergeht“. Das ist meines Erachtens kontraproduktiv. Wir leben nicht mehr in der Zeit von Bernhard Grzimek, als solche Aussagen neu waren und eindringlich vorgetragen werden mussten. Die Probleme der Serengeti sind durch unzählige Fernsehfilm und Artikel weitgehend bekannt, alles ist tausendfach gesagt. Das brauchte ich in dem Film nicht alles noch einmal neu aufrollen. Mir ging es eher darum, die Schönheit und Großartigkeit des Ökosystems darzustellen um zu zeigen, was auf dem Spiel steht; ich lade ein, sich in den Lebensraum zu versenken und ihn zu genießen. Sachbezogene Debatten sind die andere Seite der Medaille, sie finden aber unter anderen Voraussetzungen und Stimmungen statt. Und sie sind viel komplexer, als es ein Kommentar zulässt, der in so einem Film nun einmal auf Bilder bezogen sein muss.
 

Es handelt sich also um einen sehr emotionalen Film?
Den Betrachter erwartet eine sehr intensive Bild- und Tonwirkung. Der Kinofilm kann im Gegensatz zum TV-Film die Chance der Großleinwand, der klanglichen Möglichkeiten, der Konzentration des Betrachters nutzen. Es ist ein sehr positiver Film mit Tiergeschichten, mit wunderbaren Großaufnahmen von Landschaften.

Kann man sich den Film mit Kindern problemlos ansehen?
Der Film ist ab sechs Jahre freigegeben. Natürlich muss ein solcher Film emotionalisieren. In der Serengeti gibt es nun halt einmal Jäger und Opfer. Ich zeige aber keine schockierenden Details, wie Tiere in Großaufnahme von anderen Tieren blutig erlegt werden. Im Gegenteil: Ich spiele mit der Frage: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ich gebe dem Betrachter die Möglichkeit, sich für die Seite des Jägers oder des Gejagten zu entscheiden.

Welche Rolle spielte für Sie die Musik?
Eine sehr große Rolle. Ich mag die Filmmusik, die jetzt ja auch als CD veröffentlicht worden ist, wirklich sehr. Auf eines habe ich bewusst verzichtet: Auf Ethnomusik. Ich halte es nicht für angemessen, Serengeti-Landschaften mit dem zur Zeit recht beliebten Ethno-Pop aus südafrikanischen Townships zu unterlegen - Musik, die ich durchaus schätze, die aber keinen Bezug zu den ostafrikanischen Naturräumen hat. Wir haben eine Musik ausgewählt, die der Schönheit und der Weite der Landschaft gerecht wird. Sie erwartet ein mitreißender Soundtrack.

Reinhard Radke, vielen Dank für das Interview!
Das Interview führte Rudolf Blauth (Tansania News) im Dezember 2010
 

Zur Person:
Dr. Reinhard Radke, Diplombiologe, Fotograf, Buchautor („Serengeti“, „Krokodile“ u.a.) und mehrfach preisgekrönter Tierfilmer. Arbeitete als Kameramann u.a. auch für die BBC und viele Jahre als Redakteur für die ZDF-Tierfilmreihe „Naturzeit“.