Schriftgr�/div>kleiner - normal - gr�

M. Moustapha Diallo (Hg.): "Visionäre Afrikas"

Buchcover

Der Kontinent in ungewöhnlichen Porträts

Buchbesprechung von Rudolf Blauth

Mit finanzieller Unterstützung u.a. des Freundeskreises Bagamoyo entstand dieser umfangreiche Sammelband mit über 40 Porträts außergewöhnlicher afrikanischer Menschen – erzählt (und das ist das Besondere an diesem Band) von zahlreichen afrikanischen Autorinnen und Autoren. Insgesamt 23 west-, ost- und südafrikanische Länder sind in dem Buch vertreten.

Tansania spielt in drei Porträts eine Rolle: Vorgestellt werden Sophia Kawawa, Kinjikitile Ngwale und Ntemi Mirambo.

Sophia Kawawa wird von Helen Kijo-Bisimba, 60, vorgestellt, die als Pädagogin und Rechtsanwältin in zahlreichen humanitären Organisationen und Menschenrechtsorganisationen tätig ist und sich seit vielen Jahren für die Rechte von Frauen und Kindern einsetzt.

Sie ehrt mit Sophia Kawawa (1936-1994) eine weitgehend unbekannte Vorkämpferin für Frauenrechte in Tansania. Die Tochter einer Bauernfamilie wurde 1936 in der Rusuma Region in Südwest-Tansania geboren und kämpfte schon früh an der Seite von Julius Nyerere für die Unabhängigkeit des Landes. Sie organisierte ein juristisches Beratungssystem für Frauen, kämpfte gegen ihre Diskriminierung durch die islamische geprägte Rechtssprechung und gegen die Polygamie. Als Vorsitzende der tansanischen Frauenunion UWT setzte sie u.a. auch die Änderung des Arbeitsrechts durch, das unverheiratete Frauen benachteiligte. „Mit ihrem Kampf hat sie bewiesen, dass Veränderungen möglich sind, wenn Menschen dafür eintreten“ (Kijo-Bisimba).

Baumwollplantagen während der deutschen Kolonialzeit
Baumwollplantagen während der deutschen Kolonialzeit

Kinjikitile Ngwale hat in einem Buch mit dem Titel „Visionäre Afrikas“ eigentlich nichts zu suchen. Der Heiler aus Ngarambe im Matumbi-Land versprach den Afrikanern mit seinem heiligen Wasser (maji) die Unverwundbarkeit im Aufstand gegen die deutschen Kolonialisten. Zu zehntausenden liefen daraufhin die meist nur mit Speeren bewaffneten Aufständischen in die Maschinengewehrstellungen der Deutschen. Schätzungsweise 120.000 Afrikaner kamen dabei ums Leben. Der Maji-Maji-Aufstand, der immerhin ein gewisses Umdenken in der Berliner Kolonialpolitik bewirkte, war sicher ein wichtiges Kapitel in der tansanischen Geschichte, doch macht dies Kinjikitile deshalb schon zum Visionär? Verfasser des Kapitels ist Pfarrer Abednego Keshomshahara, 45, ein aus Bukoba stammender Dozent für evangelische Theologie an der Universität Makumira.

Ntemi Mirambo, der mächtige König der Nyamwesi und „afrikanische Bonaparte“, der von dem evangelischen Theologen und Uni-Dozenten Msafiri Mbilu porträtiert wird, hat eine riesige Region zu einer Föderation kleiner Königreiche zusammengeschlossen. Allerdings weniger durch geschickte Diplomatie als durch Gewalt, durch Kriege gegen benachbarte Königtümer, die er besiegte und anschließend zu Tribut und Abgaben verpflichtete. Kann man das „eine Vision politischer Einheit“ nennen? Mirambo war einer der mächtigsten Herrscher in der Geschichte des Landes, ein gefürchteter und erfolgreicher Gegner auch der arabischen Sklavenhändler. Ein großer Mann zweifellos, doch ein Visionär?

Der größte Visionär Tansanias war sicherlich Staatsgründer Julius Nyerere. Während seine Vision eines afrikanischen Sozialismus scheiterte, konnte er seine Vision eines unabhängigen, vereinten, friedlichen Tansania ohne Religionskonflikte und mit einer einheitlichen Landessprache weitgehend in die Realität umsetzen. Doch leider fehlt ausgerechnet Nyerere im Sammelband, dem der Verlag möglicherweise besser den Titel „Große Persönlichkeiten Afrikas“ gegeben hätte.

Das Buch ist dennoch insgesamt absolut lesenswert. Viele große Männer und Frauen Afrikas sind in Europa noch vollkommen unbekannt. Dass sie allesamt aus afrikanischer Sicht porträtiert werden, ist nicht nur ein Novum und für uns Europäer äußerst interessant, sondern auch eine ungeheure organisatorische Leistung des Herausgebers und Germanisten Moustapha Diallo, der im Münsterland als freier Publizist und Übersetzer lebt und über Interkulturalität, afrikanisch-deutsche Beziehungen und Afrika in der deutschen Literatur publiziert hat.

M. Moustapha Diallo (Hg.), „Visionäre Afrikas“,
Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2014, 366 S., 29,90 EUR