Johannes Henschel: "Argwöhnisch beobachtet"

Buchcover

Das gespannte Verhältnis zwischen deutschen Kolonialbeamten und katholischen Missionaren in Bagamoyo/Ostafrika

Pater Johannes Henschel hat in den vergangenen Jahrzehnten bereits zahlreiche Broschüren über die Geschichte der Stadt Bagamoyo und über die Sklaverei in Ostafrika geschrieben und dafür den Kulturpreis des Staates Tansania (Zeze-Award) erhalten. In seinem neuen Buch widmet er sich einem völlig anderen Thema: dem Verhältnis zwischen den katholischen Missionaren der Gemeinschaft der Spiritaner und der deutschen Kolonialbehörde. Da es zum Thema Mission-Kolonialmacht bislang kaum Veröffentlichungen gibt, ist das Buch von Pater Henschel nicht nur für Bagamoyo-Freunde interessant, sondern auch für Jeden, der sich für die deutsche Kolonial- oder Missionsgeschichte interessiert.

Das Buch behandelt schwerpunktmäßig den Zeitraum von 1888 bis 1918. Zuvor schildert der Autor Bagamoyo als blühende Handelsstadt, aber auch als ein Zentrum der Sklaverei vor dem Eintreffen der deutschen Kolonialisten. Während Leo Frobenius 1933 in der „Kulturgeschichte Afrikas“ die Afrikaner als „halb-tierische Barbaren“ bezeichnete, schrieb 1842, also 100 Jahre zuvor, Pater Franz M. Paul Libermann, der spätere Generalobere der Spiritaner, an den Vatikan: „Die Schwarzen sind nicht weniger begabt als alle anderen. Man muss sie nur fördern und sich zielbewusst darum bemühen, sie zu guten Christen zu machen.“

Die erste Kirche in Bagamoyo (Zeichnung: Alexandre le Roy)
Die erste Kirche in Bagamoyo (Zeichnung: Alexandre le Roy)

„Wenn Gefahr droht, dann lauf zur katholischen Kirche. Dort bist du sicher“

Alles änderte sich, als am 16.8.1888, drei Jahre nach der Berliner Afrika-Konferenz, Bagamoyo mit seinen ca. 20.000 Einwohnern unter deutsche Verwaltung gestellt und dem Machtbereich des Sultans von Sansibar entzogen wurde. In der Ausgabe 1/1889 der „Katholischen Missionen“ wurde das deutsche Vordringen als ein möglicher „Segen für die Völker Afrikas“ bezeichnet: „Nur wenn es gelingt, den Neger von dem Joch der Araber zu befreien, kann man sie für das Christentum gewinnen und ihnen so für alle Zeit und Ewigkeit Glück und Segen bringen“.

Andererseits gab es aber auch kritische Stimmen wie die des in Bagamoyo missionierenden Spiritaners Pater Alexandre Le Roy, der im Mai 1889 in einem Brief schrieb: „Erst wenn die Deutschen etwas für das Volk getan hätten, wenn sie Brunnen gegraben oder Wege und Brücken gebaut hätten, erst dann hätten sie das Recht gehabt, die Sklaverei zu beenden.“

Die Lage spitzte sich zu, als in Bagamoyo und Umgebung der Bushiri-Aufstand ausbrach. Mehr als 7.000 Stadtbewohner flüchteten auf das Missionsgelände, das von beiden Kampfparteien als neutrales Gelände akzeptiert wurde. Die Spiritaner vermittelten sogar (allerdings erfolglos) zwischen den Kriegsparteien. Bis heute gilt in Bagamoyo das Sprichwort: „Wenn Gefahr droht, dann lauf zur katholischen Kirche. Dort bist du sicher.“

Wohnung der Missionare (Zeichnung: Alexandre le Roy)
Wohnung der Missionare (Zeichnung: Alexandre le Roy)

Die relativ neutrale Position der Spiritaner und ihre durchaus kritische Haltung gegenüber der deutschen Kolonialverwaltung hängt auch mit zwei anderen Ereignissen zusammen: Die meisten Spiritaner stammen ursprünglich aus dem Elsass, das 1871 von den Deutschen annektiert wurde. Zudem wurden die Spiritaner 1873 in Deutschland für „jesuitenverwandt“ erklärt, verboten, mit Berufsverbot belegt und im Zuge des „Kulturkampfs“ aus dem deutschen Reichsgebiet ausgewiesen. Noch 1885 sagte Bismarck im Reichstag, dass in den deutschen Kolonien alle Missionare frei und unbehindert arbeiten dürften, „nicht aber die Jesuiten und mit ihnen verwandte Gemeinschaften, die Spiritaner mit eingeschlossen“.

Auch nach der Aufhebung des Verbots der Spiritaner kam es immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen der Mission und der Kolonialbehörde, die den Spiritanern u.a. „Behinderung von Amtshandlungen“ und „deutsch-feindliches Verhalten“ vorwarf. Deutsch wurde als Unterrichtssprache angeordnet. Umgekehrt kritisierten die Spiritaner z.B. die Gründung staatlicher Schulen (z.B. die Deutsche Schule in Bagamoyo) als Konkurrenz zu den Missionsschulen oder die „Misshandlung von Afrikanern durch Deutsche“.

Weitere Kapitel sind dem 1. Weltkrieg und der Eroberung Bagamoyos durch die Briten gewidmet. Die deutsche Kolonialverwaltung unterstellte den elsässischen Spiritanern, das Vordringen der Engländer zu unterstützen. 2500 Stadtbewohner überlebten das Bombardement der Briten, indem sie erneut auf dem Missionsgelände Zuflucht suchten. Später wurden alle Spiritaner, egal ob deutscher oder elsässischer Herkunft, in britische Internierungslager nach Indien und Ägypten gebracht.

Pater Johannes Henschel in Bagamoyo
Pater Johannes Henschel in Bagamoyo

„Ein wertvoller Beitrag zur deutschen Kolonial- und Missionsgeschichte“

Noch unscharf (aber nicht das eigentliche Thema des Buches) bleibt die gelegentlich angesprochene Auseinandersetzung zwischen der damals in Bagamoyo lebenden Minderheit der Omani-Araber und der Mehrheit der Shirazi-Perser, die von Henschel merkwürdigerweise durchgehend als „Araber“ bezeichnet und an einigen Stellen nicht der richtigen Glaubensrichtung des Islam zugeordnet werden: die Perser waren Schiiten, die Omanis Ibaditen, einer dritten Glaubensrichtung des Islam. Sie büßten als die „eigentlichen ‚Herren des Landes’“ nach dem Bushiri-Krieg ihre Vormachtstellung ein und verließen Bagamoyo.

Dem Verlag kann leider der Vorwurf nicht erspart bleiben, durch ein unzureichendes Lektorat Tippfehler (leider auch bei einigen Jahreszahlen) nicht sorgfältig genug korrigiert zu haben. Dies sollte in einer wünschenswerten zweiten Auflage verbessert werden.

Das Fazit: Pater Henschel hat mit seinem Buch einen wertvollen Beitrag zur Aufarbeitung der deutschen Kolonial- und Missionsgeschichte geleistet mit vielen konkreten Beispielen über die Arbeit der Mission im Spannungsfeld zwischen einheimischer afrikanischer Bevölkerung, persischen und indischen Einwanderern, arabischen Sklavenhändlern, dem Sultan auf Sansibar sowie deutschem und englischem Kolonialismus. 

Beim Lesen des Buches wird deutlich, dass es Mission in Ostafrika nicht gibt, dass Differenzierungen nötig sind. Und es erstaunt den Leser, wie es den Spiritanern gelingen konnte, über viele Jahrzehnte voller kriegerischer Auseinandersetzungen ihre relativ neutrale Position zu verteidigen. Bemerkenswert übrigens auch der Abdruck der tollen Bagamoyo-Zeichnungen von Pater Alexandre Le Roy aus den Jahren 1880-88. 

Pater Johannes Henschel, "Argwöhnisch beobachtet"
trafo Verlag, Berlin 2013, 125 S., 29,80 EUR