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Wieland Freund in "Die Welt" v. 22.3.2006

Der Leipziger Buchpreisgewinner Ilija Trojanow über Romane, Globalisierung und sein Verhältnis zum Islam

DIE WELT: Gerade haben Sie für Ihren Roman "Der Weltensammler" den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Bestärkt Sie ein solcher Erfolg? Oder sind Sie getrieben genug, eine solche Bestätigung nicht wirklich zu brauchen?

Ilija Trojanow: Ich fühle mich berufen genug, um ein Leben lang zu schreiben - unabhängig davon, ob solche Preise kommen oder nicht. Aber wenn man sieben Jahre an einem Buch arbeitet, gibt es Phasen des Zweifelns und Verzweifelns, in denen man glaubt, diesen Sumpf nie durchschreiten zu können. Wenn das Buch dann fertig ist und eine ganze Reihe von Menschen es mit spürbarer Begeisterung liest, bedeutet das schon Ermutigung.

WELT: Sie sind in Sofia geboren, Ihre Familie hat in Deutschland Asyl gesucht, Sie sind überwiegend in Kenia aufgewachsen und haben Ihren Roman in Indien und Südafrika geschrieben. Sind Sie wie Richard Francis Burton, die Hauptfigur Ihres Romans, ein "Weltensammler"?

Trojanow: Der Titel "Weltensammler" ist zweischneidig. Der Roman handelt einerseits vom westlichen Bestreben, sich auf die Welt einzulassen, und andererseits von der westlichen Abart, dieser Welt den Stempel aufzudrücken. Sammeln bedeutet einerseits den Drang, alles zu katalogisieren, festzuhalten, einzusperren und dann hinter Vitrinen auszustellen. Andererseits beschreibt es auch die enorme Neugier - von der Westeuropäer mehr haben als alle anderen -, die Welt nicht nur zu entdecken und zu erobern, sondern sich auch auf Unbekanntes einzulassen. Richard Francis Burton ist kein Einzelner. In der westeuropäischen Tradition gibt es Tausende, die einen ähnlich radikalen Weg gegangen sind wie er.

WELT: Es ist nicht eindeutig zu klären, ob Burton tatsächlich oder nur zum Schein Muslim geworden ist. Sie sind zum Islam konvertiert.

Trojanow: Nein, das bin ich nicht, das ist eine extrem leidige Frage, weil die Menschen so konditioniert sind, daß sie immer nur in Schwarz oder Weiß denken können. Deshalb wird diese Frage auch im Fall Burtons noch nach 150 Jahren diskutiert. Man kann nur konvertieren, wenn man eine Ideologie ganz verläßt und eine neue ganz annimmt. Wenn man aber nicht ideologisch, sondern inhaltlich und spirituell denkt, am Reichtum partizipieren will und eine Affinität zu dem verspürt, was man im Islam Sufismus nennt, dann kann man auch nicht konvertieren. Das ist wahrscheinlich der Punkt, wo Burton und ich uns am ähnlichsten sind. Wir verspüren eine große Faszination für den Islam, aber auch eine große Abneigung gegenüber den bornierten, engstirnigen Geistern, die diese Religion immer wieder dominiert haben.

WELT: 2003 sind Sie nach Mekka gepilgert. Was macht den Ritus für Sie so faszinierend?

Trojanow: Ritus bedeutet das künstlerische Überschreiten des materiellen Alltags, das Moment des besonderen Augenblicks, das wir alle brauchen - eine Erhöhung; eine Außeit aus dem Trott, in dem fast alle Menschen gefangen sind. Und auf einer ganz banalen Ebene bedeutet der Ritus ein Fest der Farben, Formen und Bewegungen.

WELT: Ihren Helden Burton schildern Sie zwar als religiös musikalisch, andererseits aber auch als Skeptiker, für den ein Leben nach dem Tod nicht in Frage kommt.

Trojanow: Man kann die religiöse Bedürftigkeit des Menschen nicht verallgemeinern. Religion ist ein Gemischtwarenladen, und insofern kann man durchaus spirituell sein, aber nicht an ein Leben nach dem Tod glauben, oder fromm sein, aber nicht spirituell. Wahrscheinlich haben wir im 20. Jahrhundert erfahren, daß eine scharfe Trennung zwischen Glaube und Unglaube künstlich ist, daß es auch bei Menschen, die sich als Atheisten verstehen, einen Glauben gibt - an Werte, Ideale, das Gute. Ich glaube deshalb, daß wir im 21. Jahrhundert einige Dichotomien der Aufklärung teilweise wieder überwinden müssen - Dichotomien zwischen Körper und Seele, zwischen Materialismus und Spiritualität.

WELT: Burton hat sich nicht nur für den Islam interessiert, er hat auch Brigham Young besucht, den Mormonenführer. Warum lassen Sie das in Ihrem Roman unerwähnt?

Trojanow: Der Roman ist keine Biographie, sondern ein Buch über die Möglichkeiten kulturellen Verstehens und eine dynamische kulturelle Identität zu leben.

WELT: Der Roman verweigert die Analyse geradezu. So, als wollten sie lieber ver- als enträtseln. Haben Sie Sehnsucht nach Geheimnissen?

Trojanow: Ich bin nicht sicher, ob ein Roman dazu da ist, etwas zu enträtseln. Nach fünfhundert Jahren rätseln die Leute doch immer noch, wer Don Quijote ist. Aber ich bin überzeugt, daß ein Geheimnis manchmal mehr ausdrückt als eine Erklärung. Das Geheimnisvolle hat seinen eigenen Erkenntniswert. Erklärungen hingegen sind oft schiefe Verknappungen, Oberflächlichkeiten.

WELT: Sind Sie etwa ein Romantiker? Ein Gegenaufklärer?

Trojanow: Über das, was ein Romantiker sein könnte, müßten wir uns wahrscheinlich lange unterhalten. Und Gegenaufklärer? Ich hänge durch und durch den Idealen der Französischen Revolution an. Ich glaube nur, daß Sie jetzt wiederum mit veralteten Dichotomien operieren. Ich kann eben ein aufgeklärter Sufi sein, ich kann ein anarchistischer Mystiker sein - das ist für mich kein Widerspruch. Und wenn es von außen betrachtet als Widerspruch wirkt, ist die Frage, ob das Problem nicht beim Betrachter liegt.

WELT: Sie haben - nicht nur in Indien und im arabischen Sprachraum - diverse Fundamentalismen beobachten können. Glauben Sie an den Kampf der Kulturen?

Trojanow: Interessant, wie Sie die Frage formulieren, denn Sie implizieren, daß es sich dabei nur um einen Glauben handeln kann. Damit gehe ich konform. Es geht ja beim "Kampf der Kulturen" darum, einen Antagonismus aufzubauen - mit Fundamentalisten auf beiden Seiten. Dieser ganze Konflikt ist aus dem Kalten Krieg heraus geboren und wiederholt dessen Mechanismen. Man hat es sich auf beiden Seiten mit einem Feindbild gemütlich gemacht, das eine zunehmend inhumane Politik nach innen ermöglicht. Ich könnte aber stundenlang Beispiele dafür aufzählen, daß Kulturen überwiegend miteinander kommunizieren und verfließen. Das Konfluente ist für kulturelle Entwicklungen entscheidender als das Konträre. Das Hybride ist die Urquelle kultureller Entwicklung. Das Klassische ist nichts anderes als eine vergessene Hybridität.

WELT: "Staunen ist gesund." So steht es in Ihrem "Weltensammler". Was läuft im Prozeß der Globalisierung Ihres Erachtens falsch?

Trojanow: Zunächst ist die Prämisse, Globalisierung sei ein neues Phänomen, nicht richtig. Im Indischen Ozean beispielsweise gab es früher wahrscheinlich mehr Austausch als heute. Der Unterschied ist, daß der "normale Mensch" in seiner Mobilität heute eher eingeschränkt ist. Lebt er in Sansibar, ist es für ihn enorm schwierig, ein Visum zu bekommen. Wir haben es also eher mit einem Phänomen zu tun, in dem die dominanten Strukturen in ihrer weltweiten Ausbreitung überhaupt nicht gestoppt werden, schwächere Mitspieler hingegen um so mehr. Für mich bedeutet Globalisierung deshalb Zuspitzung. Schwache, lokale Strukturen werden von gewaltigen Kräften weggefegt. Weil Saudi-Arabien so viel Geld hat, gibt es Stipendien an junge Theologen aus allen Teilen der islamischen Welt. Die kehren dann nach einer Gehirnwäsche in ihre Länder zurück und zerstören in einer Raserei die komplexen, heterogenen Traditionen dort. Eine der vielen Absurditäten des derzeitigen Konflikts besteht darin, daß gerade jene, die den Fundamentalismus schüren, vom Westen hofiert werden.