Richard Grant, „Meine Bar in Sansibar - Durch Ostafrika zu den Quellen des Nil"

Deutsches Buchcover
Deutsches Buchcover

Meine Güte: Was für ein dämlicher Titel für ein wirklich herausragendes Buch, das nur ganz zu Beginn in Sansibar spielt. Hier hat der deutsche Verlag offensichtlich auf den exotischen Reiz des Wortes „Sansibar“ spekuliert. Der englische Originaltitel lautet „Crazy River. A Plunge into Africa“.

Tansania-Freunde müssen dieses sehr spannend, gut und authentisch geschriebene Buch ganz einfach lesen. Denn es ist eines der wenigen Bücher, die im heutigen Tansania des 21. Jahrhunderts spielen. Bereits am Ausgangspunkt Sansibar ist der Autor weniger an den touristischen Highlights (auch das Umschlagfoto ist unpassend) als an den Hinterhöfen interessiert: „Hier können sich die Einheimischen entspannen und es sich gut gehen lassen, sagte Milan. Man kann tun, was man mag. Zu viel trinken, sich blöd kiffen, umfallen, sich prügeln. Keiner kümmert sich. Keiner ruft die Polizei.'“

Englisches Buchcover
Englisches Buchcover

Doch schon auf Seite 88 verlässt der Autor und Brite Richard Grant die Gewürzinsel und fährt mit einer Dhau nach Bagamoyo, das in dem Buch leider überhaupt nicht gut wegkommt: „Bagamoyo machte einen unfreundlichen, düsteren, verstaubten Eindruck“. Er will den legendären Entdeckern des 19. Jahrhunderts nacheifern und unbedingt auch etwas „entdecken“: nämlich den kaum erschlossenen abgelegenen Malagarasi-Fluss, der in Zentraltansania entspringt und westlich in den Tanganjikasee mündet. Natürlich ist der Fluss bereits auf jeder Landkarte verzeichnet, offensichtlich hat aber noch nie jemand den Fluss von der Quelle bis zur Mündung mit einem Boot durchfahren.

Das Abenteuer lässt sich allerdings nur schwer mit den Bedingungen vergleichen, unter denen solche Expeditionen vor 150 Jahren stattgefunden haben. Da stellt sich heute die Frage des Ausstatters, der Genehmigung durch korrupte örtliche Beamte, der Gesetzlosigkeit in den abgelegenen Landesteilen, des Banditenunwesens oder der um sich greifenden Kriminalität.

Das Buch beschreibt Dörfer, Gegenden und Plätze in Tansania und zum Schluss auch noch in Burundi und Ruanda, in die wohl kaum jemals ein Tourist seinen Fuß gesetzt hat. Grant hat dabei überhaupt keine Probleme, auch eigene Ängste, gesundheitliche Probleme oder auch seine spannungsgeladene Abhängigkeit von Ryan, einem in Tansania lebenden Guide, zu thematisieren. Grant erlebt über Wochen sehr intensiv das widersprüchliche, das lachende und weinende Afrika und kommt am Schluss zu dem Ergebnis:

„Ich verstand die Studien, denen zufolge die Afrikaner südlich der Sahara stets als die optimistischsten Menschen mit der geringsten Selbstmordrate eingestuft wurden. Für das Krankheitsbild der Depression gibt es in den meisten afrikanischen Sprachen kein Wort. Die Alternative zum Optimismus war hier nicht Pessimismus, sondern Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, und damit konnte man sich und seine Kinder nicht ernähren.“

Zusammenfassend kann der Bewertung des Verlages auf der Rückseite des Buchcovers nur zugestimmt werden: „Eine enorm temporeiche Reportage, die Ostafrika in seiner ganzen Widersprüchlichkeit zeigt.“ Höchste Weihen bekommt der Autor übrigens durch keinen Geringeren als den Bestsellerautor T.C. Boyle, der nach der Lektüre des Buches meinte: „Ein packender, brillanter Bericht“. rb

Richard Grant, „Meine Bar in Sansibar“
Piper Verlag, Malik National Geographic, München 2012, 380 S.
14,99 EUR (D), 15,50 (A)