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Ilija Trojanow, "Der Weltensammler"

Buchcover

Verlag Hanser, München, 2006
473 S., 24,90 EUR

Ein wirklicher Weltbürger der modernen Literatur

Von Werner Amendy

Ahlen. Die 15. Projektreihe der VHS "Wie weit ist Afrika?" begann am Dienstagabend in der Buchhandlung Sommer mit einem Höhepunkt, was zugleich für die Autorenlesungen zutrifft. Denn VHS, Buchhandlung und der Freundeskreis Bagamoyo e. V. hatten den Schriftsteller Ilija Trojanow zu einer Lesung eingeladen. Nach den Turbulenzen um die ausgefallene Veranstaltung im Herbst letzten Jahres hielt der Autor diesmal Wort und erschien zum verabredeten Termin, verzichtete auf sein Honorar und als Entschädigung wurde obendrein südafrikanischer Wein ausgeschenkt. Wichtiger jedoch war, dass er statt "Zu den heiligen Quellen des Islam" seinen neuen Roman "Der Weltensammler" vorstellte, der den diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse erhalten hat. Hauptfigur ist der britische Offizier, sprachbegabte Forscher und spätere Konsul Richard Burton, der von 1821 bis 1890 lebte. Insofern sind die sozialen, politischen und mentalen Voraussetzungen der Mitte des 19. Jahrhunderts zu berücksichtigen, vor allem der Imperialismus und Kolonialismus. Trojanow hat, trotz der Verwendung biographischer Daten, keine Biographie geschrieben, sondern "eine persönliche Annäherung an ein Geheimnis, ohne es lüften zu wollen", wie er es selbst nennt. Der Roman besteht aus drei Teilen, die nach den Handlungsorten benannt sind: "Britisch-Indien", "Arabien", "Ostafrika".

Ilija Trojanow im Gespräch mit Rudolf Blauth
Ilija Trojanow im Gespräch mit Rudolf Blauth ...
Ilija Trojanow beim Signieren seiner Bücher
... und beim Signieren seiner Bücher

Für das einleitende Gespräch zur Person Trojanows hatte sich VHS-Leiter Rudolf Blauth gründlich vorbereitet. Allerdings stellte sich heraus, dass die Quellen, nämlich das Internet, sehr korrekturbedürftig waren, was aber auf die Unterhaltung und für die Zuhörer durchaus belebend wirkte. Ilija Trojanow ist gebürtiger Bulgare und kam mit seinen Eltern über Italien nach Deutschland und dann nach Kenia. Er weilte in Indien und Arabien, wo er seine Hadsch absolvierte, und lebt zurzeit in Kapstadt. Ein Kritiker meinte, Trojanow "ist einer der wirklichen Weltbürger der modernen deutschsprachigen Literatur." Dazu befähigte ihn, dass er viersprachig aufgewachsen ist und sowohl Bulgarisch, Englisch, Deutsch und Hindi wie auch noch ein wenig Kisuaheli beherrscht. In drei Monaten bewältigte er auf den Spuren Burtons, zusammen mit einem Freund, zu Fuß die Strecke von Bagamoyo zum Tanganyikasee, immerhin 2400 Kilometer, von denen er sich allerdings 700 Kilometer durch Abkürzung sparte.

Zu Anfang widersprach Trojanow, wie schon vor acht Jahren bei der Vorstellung seines Romans "Die Welt ist rund und Rettung lauert überall", der Unterscheidung zwischen politischen Flüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen. Gerne erzählt er eine Episode aus seinem Einbürgerungsgespräch. Als Schriftsteller sollte er etwas zum deutschen Dichter Lenz sagen. Als er nachfragte, ob zu Jakob Michael, Hermann oder Siegfried, war der Punkt erledigt.

Musikalisch leitete er seine Lesung ein, und zwar erstaunlicherweise mit einer Vertonung eines Textes des mittelalterlichen Minnesängers Heinrich von Mohrungen, den er als Vorläufer ansah. Dann erfuhr man von der Ankunft Burtons in Britsch-Indien und der Reise zu seinem Standort Baroda. Hier wie in den anderen Teilen wird zunächst aus autokrialer Perspektive erzählt und dann durch jeweils einheimische Stimmen das vorher Gesagte kommentiert, relativiert oder in Frage gestellt, so dass kein eindeutig linearer Handlungsablauf stattfindet. Trojanow beschreibt die persönlichen und klimatischen Schwierigkeiten, verbunden mit den Unbilden der Landschaft. Doch auch Heiteres fehlt nicht. Es gehört vor allem zur Gestalt des Sidi Mubarak Bombay. Über die Zivilisationen hinweg bilden seine "Eheauseinandersetzungen" eine allgemeinmenschliche Klammer. Er ist wie Burton eine historische Gestalt, allerdings meistens nur am Rand erwähnt, obwohl er vier Expeditionen mitgemacht hat. Ihm wollte Trojanow mit der herausgehobenen Rolle im dritten Teil ein Denkmal setzen.

"Der Weltensammler" ist sicherlich keine leichte Lektüre, die man nebenbei wegliest. Wer sich aber darauf einlässt, wird ohne Zweifel viele Anregungen bekommen und manche Fragen stellen, nicht zuletzt die, inwieweit der Weltbürger Trojanow sich in dem Buch spiegelt.

"Ahlener Zeitung" v. 25.5.2006

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