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Ein "Stolperstein" für ein NS-Opfer aus Tansania

Foto: Aus dem Buch "Treu bis in den Tod"
Mahjub bin Adam Mohamed

Aus einer Radioreportage des Senders RBB:

"In dieser Ausgabe von 'Umgeschichtet' lernen wir einen schwarzen Deutschen kennen, einen Afrikaner, den die Auswirkungen der deutschen Kolonialpolitik aus Deutsch-Ostafrika, dem heutigen Tansania, nach Berlin brachten, wo er mehr schlecht als recht während des Nationalsozialismus leben konnte, ehe er, ins Konzentrationslager Sachsenhausen verbracht, 1944 verstarb.

Auf dem Grabstein steht Mohamed Husen, nach eigenen Angaben hieß er Mahjub bin Adam Mohamed. Eine Lebensgeschichte, in der sich deutsche Geschichte spiegelt, rekonstruiert und erforscht von Marianne Bechhaus-Gerst. Die Kölner Professorin für Afrikanistik hat im Links-Verlag ein Buch über Mahjub veröffentlicht und dafür gesorgt, dass an seinem letzten Wohnort in Berlin, in der Brunnenstraße, zum Gedenken ein Stolperstein in den Boden eingelassen wurde.

Die Aktion 'Stolpersteine' erinnert mit kleinen metallenen Täfelchen auf den Bürgersteigen an Menschen, die einst hier lebten, deren Spuren aber verloren zu gehen drohen.

Marianne Bechhaus-Gerst im Gespräch, zunächst zur Frage, was sie am Leben des Afrodeutschen Husen am meisten beschäftigt hat.

Bechhaus-Gerst: Beschäftigt hat mich vor allem, dass so wenig bekannt ist über das Leben von Afrikanerinnen und Afrikanern in Deutschland nach dem ersten Weltkrieg und vor allem im Nationalsozialismus. Als ich auf die ersten Akten stieß, die seinen Namen erwähnten fiel mir eben auch darüber hinaus auf, dass ich selbst als Afrikanistin mir noch nie Gedanken gemacht hatte, was eigentlich Menschen afrikanischer Herkunft während des Nationalsozialismus passiert war. Das war der Auslöser für meine Recherche zu diesem Buch.

Asel: Stationen seines Lebens, geboren vermutlich am 22. Februar 1904, er war Kindersoldat, man nannte das damals euphemistisch Signalschüler, bereits der Vater gehörte zu den Hilfstruppen der deutschen Kolonialarmee. Als was verstanden sich diese Einheimischen in Uniformen, als was wurden sie damals von den Deutschen in Ostafrika gesehen?

Bechhaus-Gerst: Sie wurden von den Deutschen als treue Untertanen, als treue Askari, Askari ist die Bezeichnung der einheimischen Soldaten in deutschen Diensten, die eben unverbrüchlich auch ihr Leben für die Deutschen bereit waren zu geben. Die Afrikaner selbst  haben sich als Teil des kolonialen Projektes der Deutschen verstanden, haben sich zum Teil durchaus auch Deutsche gesehen.

Asel: Das wird uns ja bis in die letzten Lebenstage ihrer Hauptperson dann noch mal begegnen und sie haben im Grunde für die deutschen Kolonialherren auch die Drecksarbeit gemacht. Das heißt, es waren ja zum Teil Menschen, die nicht aus der unmittelbaren Region rekrutiert worden sind. Man sprach dann von Nubiern in deutschen Texten. Sie haben aber in einer besonderen Weise die Unterdrückung organisiert.

Bechhaus-Gerst: Das ist richtig. Gerade die ersten afrikanischen Soldaten, die vom deutschen Reich eingestellt wurden, kamen nicht aus der Region, Deutsch-Ostafrika war das damals, sondern eben aus dem Sudan beispielsweise und das hat man eben ganz bewusst gemacht, um sie eben gegen die einheimische Bevölkerung einsetzen zu können und sie haben tatsächlich auch mit großer Gewaltanwendung sich für die deutsche Aneignung eingesetzt.

Asel: Das Ende der deutschen Kolonialzeit kam mit dem Ende des Krieges, wir werden später feststellen, dass die deutsche Kolonialgeschichte noch wesentlich länger andauert, zumindest also auch in dem Leben von Afrikanern, die dann nach Europa und nach Deutschland gekommen sind. Es dauerte eine Weile, bis die Hilfstruppen ihren noch ausstehenden Sold bekamen und Mahjub macht sich auf den Weg nach Europa. Er kommt Ende der 20er Jahre nach Berlin. Was konnten Sie über die Beweggründe herausfinden, was können wir überhaupt über die Beweggründe von ihm erfahren, aus den Quellen.

Bechhaus-Gerst: Ich denke halt, der wichtigste Beweggrund war, dass er in Afrika selbst eigentlich nicht mehr Fuß fassen konnte nachdem die Deutschen nicht mehr da waren. Sein Vater war schon in deutschen Diensten gewesen, er war in deutschen Diensten gewesen, die ehemalige deutsche Kolonie war von den Engländern übernommen worden und da hatten die ehemaligen deutschen Soldaten gewissermaßen keinen guten Stand, wie man sich denken kann. Sie galten als deutsch-treu und insofern wurden sie eher dem Feind zugeordnet. Das war sicherlich ein Hauptmotiv, warum er dann nach Deutschland gekommen ist. Er konnte beruflich nicht Fuß fassen, er hatte eigentlich nichts mehr zu tun. Er kannte nichts anderes als den Soldatenstand, er war in eine Soldatenfamilie hineingeboren, ist selbst Soldat gewesen. Er wusste im Grunde genommen nicht, wie es weitergehen sollte in Deutsch-Ostafrika. Dazu kommt sicherlich auch eine Portion Abenteuerlust. Das muss man dazusagen.

Asel: Ihr Buch versucht immer die persönliche Geschichte mit der allgemeinen Geschichte in Deutschland zu konfrontieren, das heißt in den 20er Jahren vor allen Dingen mit dem Aufbauen eines Mythos. Dem Mythos der Deutschen als den besseren Kolonialherren. Es erscheint bereits in der Weimarer Republik eine Fülle von Erinnerungsliteratur, das verstärkt sich dann noch ab 33. Da werden Afrikaner häufig zitiert, da wird der treue, aber eigentlich der kindliche Afrikaner dargestellt und es wird betont, dass die waren ja ganz anders als die Engländer oder die Franzosen.

Bechhaus-Gerst: Es ist ein Mythos. Das Wort der kolonialen Schuldlüge bekam ja nach dem ersten Weltkrieg eine besondere Bedeutung, denn die Siegermächte hatten die Kolonien den Deutschen weggenommen, unter anderem eben mit der Begründung, dass die Deutschen nicht befähigt seien, Kolonien zu haben und zu verwalten. Und gerade die ehemaligen afrikanischen Soldaten sollten nun dazu dienen, das Gegenteil zu beweisen, indem also gesagt wurde, sie haben eben mit dieser unverbrüchlichen Treue zu uns gestanden und das zeugte doch eigentlich davon, dass wir gute Kolonialherren waren und dass wir unsere Kolonien auch wieder zurückbekommen müssen. Das ist es, so die Behauptung, was auch unsere ehemaligen Untertanen wollen.

Foto: Buchcover
Buch "Treu bis in den Tod"

Asel: General Lettow-Vorbeck, der Kommandeur der deutschen Truppen in Ostafrika galt ja als der im Felde Unbesiegte, denn Deutsch-Ostafrika war bis zum Ende des ersten Weltkrieges eben nicht eingenommen von den Briten und dadurch immer noch, sozusagen der Held und Vorreiter einer Politik, die sagte, wir wollen die Kolonien wieder haben. Welche Rolle spielt da jetzt ein nach Deutschland kommender Afrikaner, der auf der einen Seite mit dem alltäglichen Rassismus konfrontiert wird, auf der anderen Seite aber auch quasi in diese Folklore hineinkommt.

Bechhaus-Gerst: Soweit es Mahjub angeht, hat er die Sache, denke ich mal, ganz offensiv betrieben. Er sah sich als Teil dieser kolonialen Bewegung, er hatte in den Kolonien gekämpft, er hat im Krieg gekämpft, er war verwundet worden. Er sah sich da eigentlich auf einer Stufe mit den weißen Deutschen Soldaten und ordnete sich als Teil dieser zunächst Ehemaligen-Bewegung ein. Auf der anderen Seite war es für die weißen Deutschen ein lebendes Zeugnis von dieser Treue, ein Zeugnis dann nun auf einmal leibhaftig sozusagen in Berlin stand und auch bereit war, sich da vereinnahmen zu lassen, für diese Bewegung.

Asel: Inwieweit war er denn ein Einzelfall?

Bechhaus-Gerst: Er war insofern kein Einzelfall als es eine Reihe ehemaliger Askari gab, die nach Deutschland kamen, nach dem Krieg und sich in irgendeiner Weise auch in dieser ehemaligen Bewegung einordneten. Er war insofern vielleicht ein Einzelfall, weil mir scheint, dass es keiner so offensiv betrieben hat, und sich so, wirklich auch aktiv engagiert hat in dieser Bewegung.

Asel: Sie schildern ihn als einen sehr selbstbewussten Menschen, der also auch gegenüber Behörden auftritt, wir müssen ja daran denken, dass er irgendwann mit dem Status eines Fremdenpasses in Deutschland lebt, er heiratet eine weiße Deutsche, hat Kinder und das ist ab 33 durch die Rassegesetze zumindest eine prekäre Situation. Wir müssen vielleicht erklären, warum es im Unterschied zur Verfolgung gegenüber den Juden oder den Sinti und Roma erstmal keine flächendeckende Verfolgung und Vernichtung von schwarzen Deutschen in Deutschland gegeben hat.

Bechhaus-Gerst: Das hängt mit einer sehr starken Bewegung in Deutschland zusammen, die darauf hinzielte, die verlorenen Kolonien wieder zurückzugewinnen, beziehungsweise sogar ein noch größeres Reich in Afrika sich anzueignen. Die Schriftwechsel der Behörden sind voll von Befürchtungen, dass falls man die in Deutschland lebenden Afrikaner aus den ehemaligen Kolonien in irgendeiner Weise schlecht behandelt, dies wiederum negative Auswirkungen haben würde, wenn man dann wieder nach Afrika zurückgeht. Denn, so wurde gesagt, diese Afrikaner stehen ja noch mit zuhause in Kontakt und würden dann über diese schlechte Behandlung und nachher würde es Aufstände geben oder so etwas in der Art. Das heißt, man hatte hier ganz praktische Gründe, die deutschen Afrikaner oder Afrodeutschen von Verfolgungsmaßnahmen auszunehmen.

Asel: Und das endet im Grunde genommen in dem Moment, wo, mit dem Beginn des Überfalls auf die Sowjetunion 1941 klar ist, dass die deutsche Expansionspolitik in den Osten gerichtet ist und nicht auf Afrika. In dem Moment fallen wie ein Beil die Rassegesetze auch auf Mahjub herunter.

Bechhaus-Gerst: Ja, wobei die Gesetzgebung eigentlich Maßnahmen gegenüber Menschen Afrikanischer Herkunft in dieser Weise nicht vorsah. Aber jede andere Zurückhaltung eben wird in dem Moment aufgegeben, wo klar ist, dass der Russlandfeldzug nicht in kürzester Zeit zu beenden ist und sich eben da alle Kräfte konzentrieren müssen.

Asel: Sie beschreiben ein Leben eines Afrodeutschen in der Endphase der Weimarer Republik und im Nationalsozialismus. Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass das eine Geschichte ist, die weit über diese Zeit auch hinausreicht, denn beispielsweise die Verfechter der Kolonialpolitik - wir haben gerade Lettow-Vorbeck genannt - haben ja noch in den 50er Jahren ihre Sicht der Dinge transportiert, sind damit auch auf ein wohlwollendes Publikum gestoßen. Welche Aufgabe sehen Sie mit Ihrem Buch, auch mit der Aktion des Stolpersteins für die Wissenschaft, aber auch für die Öffentlichkeit in der Auseinandersetzung mit der deutschen Kolonialpolitik?

Bechhaus-Gerst: Das sind natürlich gleich mehrere Fragen, die sich dahinter verbergen.

Asel: Die gehen wir nacheinander durch.

Bechhaus-Gerst: Das eine ist natürlich, dass ich gerade auch mit der Stolperstein-Aktion darauf aufmerksam machen möchte, dass es diese afrodeutschen oder afrikanischen Opfer im Nationalsozialismus auch gegeben hat, natürlich nicht in der Anzahl wie es bei den deutschen oder europäischen Juden der Fall war, aber es hat sie eben gegeben und sie mussten nicht alle im KZ sterben, wie es bei Mahjub der Fall war, aber sie konnten keine anständigen Berufe ergreifen, Sie konnten keine Ausbildung machen, ihnen wurden Ehehindernisse in den Weg gelegt, sie wurden zwangssterilisiert und viele Maßnahmen mehr. Das heißt, es gibt diese Opfergruppe und darüber ist sehr wenig oder gar nichts in der Öffentlichkeit bekannt und da ist es eben die Hoffnung, dass beispielsweise ein solcher Stolperstein dann auch einen Anfang darstellt, für eine breitere Auseinandersetzung mit Menschen afrikanischer Herkunft zu dieser Zeit.

Der andere Aspekt ist - Sie sprachen Lettow-Vorbeck an - dass in Deutschland immer noch eine recht romantische Vorstellung von der kolonialen Vergangenheit vorherrscht, die sicherlich damit in Zusammenhang steht, dass die Kolonien so früh und auf diese Weise verloren gingen, 1918 und man nicht, wie Frankreich oder England diesen langen Prozess der Entkolonialisierung durchmachen musste. Außerdem hat die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus dann auch vieles andere eben thematisch verdrängt und dazu gehört auch die Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus. Meistens wird er als kurz und unerheblich betrachtet und damit hat es sich dann erledigt oder eben, es wird von "kolonialen Helden" gesprochen, zu denen dann eben auch Lettow-Vorbeck gehörte oder Carl Peters oder andere Figuren, die zu dieser Aneignung der Kolonien beigetragen haben. Das ist eben auch die Hoffnung, dass durch so ein Buch, so einen Stolperstein vielleicht ein Überdenken dieser romantischen Vorstellungen der Kolonialzeit in Gang gesetzt wird.

Asel: Wird in Tansania, dem Ort aus dem er kam nach Deutschland, wird in Afrika das Thema auf diese Weise auch angegangen?

Bechhaus-Gerst: Das ist für die ehemaligen deutschen Kolonien, denke ich mal schon, ein neues Thema. Wir haben auch den Plan, beispielsweise dieses Buch ins Kisuaheli zu übersetzen, damit es auch in Mahjubs Heimat überhaupt gelesen und rezipiert werden kann. Da besteht auch ein großes Interesse, vor Ort diese Geschichten aufzuarbeiten, denn beispielsweise Mahjubs Familie in Tansania hat auch nie erfahren, was mit ihm eigentlich genau passiert ist und so ist es sicherlich auch im Zusammenhang mit anderen ehemaligen Soldaten, die nach Deutschland gekommen sind und die vor Ort unbekannt geblieben sind. Ganz zu schweigen davon, dass es keine Entschuldigung oder Entschädigung oder etwas in der Art jemals gegeben hat.

Marianne Bechhaus-Gerst, Professorin für Afrikanistik über Mahjub bin Adam Mohamed, den afrikanischen Söldner und sein Schicksal in Deutschland. Ihr Buch "Treu bis in den Tod" - von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen ist im Christoph Links Verlag erschienen."

Aus: rbb-online, September 2007


Marianne Bechhaus-Gerst
"Treu bis in den Tod -
Von Deutsch-Ostafrika nach Sachsenhausen - eine Lebensgeschichte" 
Christoph-Links-Verlag, Berlin, 2007
208 S., 97 Fotos
24,90 EUR