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Die Wahrheit über Darwins Alptraum

Filmplakat "Darwins Alptraum"
Filmplakat "Darwins Alptraum"

Diskussion um den Dokumentarfilm von Hubert Sauper geht weiter

Weiterhin weht dem österreichischen Dokumentarfilmer Hubert Sauper, dem von tansanischen Politikern, Künstlern und Journalisten Manipulationen beim Zustandekommen seines preisgekrönten Filmes "Darwins Alptraum" vorgeworfen wird, der Wind ins Gesicht. Inzwischen ist in französischer Sprache in Buchform ein "Anti Darwins Alptraum" veröffentlicht worden, der im Detail die Behauptungen Saupers widerlegt.

Herausgeber ist Pierre Parodi (Genf), Autor des Buches ist Prof. Francois Garcon, ein angesehener Historiker der Universität Paris, Experte für die europäische Filmindustrie und Buchautor ("Die französische Filmindustrie und der Kalte Krieg" / "Ein Jahrhundert französischer Film" u.a.)  Beide haben von Mai bis Juni 2006 die Stadt Mwanza am Victoriasee besucht, um für ihr Buchprojekt vor Ort zu recherchieren.

Francois Garcon hatte bereits im Januar 2006 in der französischen literarisch-politischen Zeitschrift "Les Temp Modernes" eine 30seitige Polemik gegen Darwins Alptraum veröffentlicht. Seine Hauptvorwürfe:

1. Der Nilbarsch, dessen Industrie in Saupers Film als Beispiel für den globalisierten Handel zwischen Afrika und Europa steht, der die lokalen Strukturen in Afrika zerstört und so zur nachhaltigen Verschlechterung der Lebensumstände der Menschen führt, sei in den 1950er Jahren im Rahmen eines Entwicklungshilfeprogramms der OECD in den Viktoriasee eingesetzt worden und nur Politiker der extremen Rechten hätten sich damals dagegen gewehrt.

2. Es sei falsch, dass der Großteil des Fangs nach Europa exportiert werde. 74% blieben im Land, 40% davon würden direkt vor Ort konsumiert.

3. Sauper zeige unkommentiert BBC-Bilder, die Waffenhandel in Tansania suggerierten, in Wirklichkeit aber eine dem internationalen Recht entsprechende Hilfsaktion zur Unterstützung der Regierung von Sierra Leone 1997 zeigten, die durch einen Putsch gestürzt wurde.

4. Sauper lasse die Stadt Mwanza, die zweitgrößte städtische Agglomeration Tansanias, in seinem Film wie eine “verfaulende" Kleinstadt erscheinen.


Richard Mgamba: "Gestellte Szenen in 'Darwins Alptraum'"

Filmplakat
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Tansanischer Kooperationspartner von Hubert Sauper bricht sein Schweigen

Immer mehr gerät der österreichische Filmemacher Hubert Sauper, Macher des mehrfach preisgekrönten und Oscar-nominierten Dokumentarfilms "Darwins Alptraum", ins Zwielicht. Nachdem sich bereits in der vergangenen Woche durch Recherchen der Deutschen Botschaft seine Behauptung, der tansanische Journalist und Interviewpartner Richard Mgamba aus Mwanza würde inhaftiert und verfolgt, als Erfindung herausgestellt hat, hat nun auch noch Richard Mgamba selbst schwere Vorwürfe gegen seinen früheren Auftraggeber erhoben.

Richard Mgamba: "Der Film besteht hauptsächlich aus erfundenen Informationen"

Mgamba, der in "Darwins Alptraum" ohne weitere Beweisführung von illegalen Waffentransporten von Osteuropa nach Tansania spricht, wirft in einer persönlichen Erklärung Sauper vor, dass der Film "hauptsächlich aus erfundenen Informationen besteht". Als er im Dezember 2004 zum ersten Mal das vollständige Drehbuch von "Darwins Alptraum" erhalten habe, "konnte ich es nicht glauben. denn es gab dort so viele erfundene Informationen, die darauf zielten, einem Publikum in Europa und in den USA zu gefallen."

Kein Zusammenhang zwischen Fischindustrie und Straßenkindern

Nach Aussagen des tansanischen Jurnalisten, dessen Freilassung aus angeblicher Haft vor zwei Wochen "Reporter ohne Grenzen" gefordert und sogar die EU-Präsidentschaft beschäftigt hatte, bestreitet jeden Zusammenhang zwischen der Fischindustrie am Viktoriasee und dem in "Darwins Alptraum" angeprangerten Elend von Straßenkindern.

Mgamba: "1.000 bis 5.000 TSH für gestellte und bezahlte Szenen mit Straßenkindern"

Mgamba bestätigt in seiner Erklärung den Eindruck von in Deutschland weilenden Mitgliedern der Bagamoyo Players (s. Interview in Newsletter 28/2006), wonach die sich um eine Handvoll Reis am Strand prügelnden Straßenkinder bezahlt worden seien. Zitat Mgamba: "Tatsache ist, dass allen Straßenkindern, die in diesem Film beim Kochen zu sehen sind, von den Filmproduzenten zwischen 1.000 und 5.000 tansanische Shillinge bezahlt und ihre Handlungen dirigiert wurden."

"Organisierte und bezahlte Quellen"

Richard Mgamba, der in seiner Erklärung nicht auf den unbewiesenen Vorwurf des Waffenhandels in Mwanza eingeht, kommt schließlich zu der Erkenntnis, "dass einige europäische oder ausländische Journalisten, die nach Afrika kommen, ihre Quellen organisiert und bezahlt haben, um sogenannte 'striking images' zu bekommen."

"Schockierende Anzahl von Bordellen in Europa"

Hart geht auch Mgamba mit Sauper und dem europäischen Journalismus im Umgang mit der Prostitution in Afrika ins Gericht: "Während es in Europa eine schockierende Zahl von Bordellen gibt, wird uns letztendlich doch immer wieder erzählt, dass das Ausmaß kommerzieller Prostitution als Folge massiver Armut rapide ansteigt. Aber in Holland, wo die Regierung dieses Geschäft legalisiert hat, wird nicht gezeigt, was sich dort abspielt."

"Vorurteile verschärfen Afrikas Probleme"

Schließlich bezieht sich Mgamba auf eine Aussage von Wilson Rutayisire, Direktor des Ruanda Informationsdienstes, der ausgeführt hat: "Die Art, wie Afrika in den internationalen Medien behandelt wird, ist nicht nur durch einen parteiischen Blick belastet, sondern in hohem Maße auch verantwortlich für die ewigen Vorurteile, die Afrikas Probleme verschärfen."

Sauper schweigt zu Vorwürfen

Während sich Hubert Saupers wichtigster tansanischer Kontaktmann mit schweren Vorwürfen gegen ihn wendet und sich die angeblichen Verhaftungen in Tansania als unwahr herausgestellt haben, hüllt sich der österreichische Filmemacher seit über einer Woche in Schweigen. Auch auf seiner Homepage wird zu den jüngsten Vorgängen mit keiner einzigen Silbe eingegangen.


"Die Wahrheit über Darwins Alptraum"

Von Richard Mgamba

Haben Sie den Dokumentarfilm 'Darwins Alptraum' gesehen, der in der Stadt Mwanza am Südufer des Viktoriasees von den in Frankreich lebenden TV-Journalisten Hubert Sauper und Sandor Alexander mit meiner persönlichen Hilfe gedreht worden ist?

Der seit seinem Start im Frühjahr 2004 mit verschiedenen internationalen Filmpreisen in Europa und in den USA ausgezeichnete Dokumentarfilm reflektiert die Sichtweise des afrikanischen Kontinents durch die westlichen Medien. Trotz der Tatsache, dass der Dokumentarfilm auf die eine oder andere Art versucht, die andere Seite der Globalisierung und die Zukunft Afrikas aufzuzeigen, besteht er hauptsächlich aus erfundenen Informationen und zielt auf die Wünsche seiner Produzenten und die Wünsche derer, die das Projekt finanziert haben.

Ich persönlich war von den Produzenten und Autoren des Dokumentarfilms im Frühjahr 2003 angesprochen worden, um sie mit genaueren Informationen über die Nilbarsch-Industrie und die Zukunft der gesamten Region am Viktoriasee zu versorgen. Zu dieser Zeit schrieb ich für die wöchentlich erscheinende Regionalzeitung 'The East African' mehrere Features über die Nilbarsch-Industrie, über ihre Erfolge und Herausforderungen. Während ihres Aufenthaltes in Afrika luden sich die in Frankreich lebenden TV-Journalisten unter der Führung von Hubert Sauper mehrere Artikel über den Nilbarsch aus dem Internet herunter, die meisten Artikel stammten von mir.

Nach ihrer Ankunft in Mwanza machten sie mich ausfindig, und wir trafen uns schließlich in der Kuleana Pizzeria, die der McDonald unserer Stadt in einem Gebäude des deutschen Kolonialagenten Emin Pascha aus dem Jahre 1892 eingerichtet hat. Sie erzählten mir von ihrer Mission und dass sie unbedingt meine Hilfe als Journalist wünschten, der mehrere Geschichten über die Nilbarschindustrie verfaßt hat.

Aus zwei Gründen willigte ich ein, sie zu unterstützen: Erstens, um zu lernen, wie europäische Journalisten arbeiten, die von den meisten Menschen weltweit als seriöse Journalisten geachtet werden und um dadurch meine eigenen journalistischen Fertigkeiten zu verbessern. Der zweite Grund meiner Entscheidung, sie effektriv zu unterstützten, lag darin, dass sie erklärten, dass ihre hauptsächliche Mission darin liegen würde, den Viktoriasee und die Fischindustrie weltweit zu vermarkten, speziell in Europa, das ca. 80% der Nilbarschprodukte Ostafrikas konsumiert.

Mein Entschluss, mich ihnen anzuschließen und ihre Mission zu unterstützen, verschaffte ihnen viele Erkenntnisse. Denn es gelang uns, verschiedene Inseln im Viktoriasee zu besuchen und zu sehen, wie die Nilbarschindustrie sowohl das Leben der Leute verändert als auch eine Umweltkatastrophe verursacht hat.

Obwohl es eine schwierige Mission war, die Auseinandersetzungen zwischen mir und den lokalen Behörden verursachte, und obwohl einige Regierungsvertreter behaupteten, dass meine Gäste keine Journalisten seien, sondern einen speziellen Geheimauftrag ausführten, bewältigten wir schließlich unsere Aufgabe. Was mich betrifft, so ignorierte ich die Behauptungen der Regierungsvertreter, weil die in Frankreich lebenden TV-Jorunalisten offiziell ins Land eingereist waren und sie von der Informationsabteilung, die dem Büro des Premierministers unterstellt ist, mit offiziellen Genehmigungen ausgestattet worden waren.

Als ich jedoch im Dezember 2004 zum ersten Mal das vollständige Drehbuch ihres Dokumentarfilms erhielt, konnte ich es nicht glauben. Denn es gab dort so viele erfundene Informationen, die darauf zielten, einem Publikum in Europa und in den USA zu gefallen.

So wird z.B. in dem Dokumentarfilm behauptet, dass die 'Anwesenheit der Fischindustrie die Zunahme von Straßenkindern in Mwanza verursacht hat und dass die meisten von ihnen, weil sie es sich selbst nicht leisten können, Fisch zu kaufen,  Packmaterial essen, das von der Fischverarbeitung benutzt wird, um ihre Filets abzupacken'.

Ja, in diesem Dokumentarfilm kann man Straßenkinder sehen, die sich in der Gegend der Kamanga Fähre in Mwanza versammeln und mit traurigen und kummervollen Gesichtern versuchen, ihr Essen zu kochen. Aber dies ist eine gestellte Szene, die von den Autoren des Dokumentarfilms dirigiert und bezahlt worden ist.

Tatsache ist, dass allen Straßenkindern, die in dem Film beim Kochen zu sehen sind, von den Filmproduzenten zwischen 1.000 und 5.000 TSH gezahlt und ihre Handlungen dann dirigiert wurden. Dadurch wurde meinen Gästen den Weg geebnet, das zu filmen, was sie dann mit "striking images" bezeichneten.

Ich habe sie gefragt, warum sie all diese Dinge tun, aber niemand gab mir eine befriedigende Antwort, und schließlich beschloss ich, zu schweigen und auf die Zeit zum Erzählen der Wahrheit zu warten. Ich kann heute erkennen, dass einige europäische oder ausländische Journalisten, die nach Afrika kommen, ihre Quellen organisiert und bezahlt haben, um sogenannte "striking images" zu bekommen. Das ist das, was ich in dem Dokumentarfilm wirklich sehen kann: "Darwins Alptraum", der es geschaft hat, so viele Gesichter und Augen in Europa und in den USA anzuziehen, weil er das negative Image von armen Afrikanern am Viktioriasee porträtiert.

Während der Dokumentarfilm das Thema der Globalisierung mit der Fischindustrie als Fallstudie behandelt, versäumt er es, die positive Entwicklung zu zeigen, die durch den industriellen Aufschwung verursacht wurde. Er beschloss, auf der einen Seite der Medaille stehen zu bleiben, um der Zielgruppe in den EU-Ländern zu gefallen.

Ich stimme zu, dass der Dokumentarfilm in der einen oder anderen Weise die Herausforderungen entfhüllt, der sich die ostafrikanischen Länder entgegenstehen. Aber meine Sorge ist, dass er es versäumt hat, fair und ausgewogen zu sein, indem er nur bei den negativen Auswirkungen, die von dem speziellen Nilbarsch verursacht werden, stehenbleibt. Diese alte Tendenz des Journalismus dominiert die Gedanken der meisten ausländischen Journalisten und verursacht falsche Reportagen über Afrika. Heute sieht man sehr selten die Gesichter weißer Menschen, die an HIV-Aids leiden. Aber was man auf den TV-Stationen sieht, ist das Bild von armen leidenden Afrikanern in ihren Krankenhausbetten.

Während es in Europa eine schockierende Zahl von Bordellen gibt, wird uns letztendlich doch immer wieder erzählt, dass das Ausmaß kommerzieller Prostitution als Folge massiver Armut rapide ansteigt. Aber in Holland, wo die Regierung dieses Geschäft legalisiert hat, wird nicht gezeigt, was sich dort abspielt

In seinem Papier "Reporting Africa: Return to the agenda", das 1998 an der Universität Wales präsentiert wurde, sagte Wilson Rutayisire, Direktor des Ruanda Informationsdienstes: "Die Art, wie Afrika in den internationalen Medien behandelt wird, ist nicht nur durch einen parteiischen Blick belastet, sondern in hohem Maße auch verantwortlich für die ewigen Vorurteile, die Afrikas Probleme verschärfen". (...)

Zur Person:

Richard Mgamba, 34, Journalist der in Nairobi erscheinenden Wochenzeitung "The East African" und Mitarbeiter der "Deutschen Welle". 1978-92 Studium der Ökonomie in Kenia, 1996 Abschluss eines britischen Fernstudiengangs als Diplom-Journalist, seit 1998 freier Journalist.


Hubert Sauper: Verfolgungsstory frei erfunden?

Deutsche Botschaft widerlegt österreichischen Dokumentarfilmer

Die internationale Diskussion um die angebliche Verfolgung von tansanischen Mitwirkenden des mit 17 internationalen Filmpreisen und einer Oscar-Nominierung preisgekrönten Dokumentarfilms "Darwins Alptraum" hat in den vergangenen zwei Tagen eine dramatische Wendung genommen. Offensichtlich sind weite Teile der vor allem in Österreich in allen großen Tageszeitungen publizierten Vorwürfe wegen Verfolgungsmaßnahmen der tansanischen Regierung frei erfunden.

Start der Kampagne durch Hubert Sauper

Die Kampagne setzte nach der Behauptung von Hubert Sauper ein, tansanische Mitwirkende an seinem Dokumentarfilm würden von der Regierung verfolgt. Der Journalist Richard Mgamba aus Mwanza, der in dem Film die Behauptung von den Waffenlieferungen aus Osteuropa aufgestellt hatte, wäre inhaftiert worden und würde als tansanischer Staatsbürger mit der Ausweisung nach Kenia bedroht. Ein mitwirkender Nachtwächter sei unter Hausarrest gestellt und insgesamt wäre er, Hubert Sauper, in Tansania zum "Staatsfeind" erklärt worden.

"Tansania hat auf Sauper ein Killerkommandos angesetzt": Freie Erfindungen der österreichischen Presse gegen Tansania

Fast die gesamte Presse Österreichs und die österreichischen Grünen sprangen ohne eigene Recherche und ohne zu zögern auf den von Sauper bereitgestellten Zug und ergänzten Saupers Behauptungen durch eigene, im Laufe der Woche immer maßloser werdende Übertreibungen:

"Die Regierung in Tansania erklärt Mitwirkende zu Staatsfeinden"
(Die Presse v. 17.8.2006)

"In einer von Polizei und Behörden unterstützten Demonstration sei Blut des Journalisten gefordert worden"
(Presseerklärung der Grünen v. 18.8.2006)

"Richard Mgamba wurde vorübergehend verhaftet"
(Kurier v. 20.8.2006)

Die Krone abgeschossen hat dann die "Krone" aus Wien in einer frei erfundenen Meldung vom 23.8.2006:

"Einheimische, die am Film mitgewirkt hatten, wurden eingesperrt und auf Sauper ein Killerkommando angesetzt"

Die Grünen und das Außenministerium Österreichs schalten EU ein

Die Kampagne, die von wenigen Ausnahmen abgesehen sowohl in Deutschland als auch im englischsprachigen Sprachraum überhaupt nicht aufgegriffen wurde und sich fast ausschließlich zwischen Österreich und Tansania abspielte, erreichte ihren Höhepunkt, als die Grünen und unmittelbar im Anschluß auch das österreichische Außenministerium Finnland aufforderten, im Rahmen ihrer EU-Präsidentschaft gegen Tansania  vorzugehen. Auch "Reporter ohne Grenzen" übernahm kommentarlos die Position Saupers.

Deutsche Botschaft in Tansania: "Die Angaben Saupers sind nicht korrekt!"

Daraufhin schaltete sich in dieser Woche (auf Ersuchen Finnlands oder der EU?) die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Dar es Salaam in den Fall ein. Es war das erste Mal überhaupt, dass die Behauptungen des Regisseurs von "Darwins Alptraum" vor Ort in Tansania recherchiert wurden.

Journalist Richard Mgamba: "Ich bin weder verhaftet noch unter Hausarrest gestellt worden!"

Laut Deutscher Botschaft hat der Journalist Richard Mgamba von der Mwananchi Group ("The Citizen" in Mwanza) gegenüber Mitarbeitern der Botschaft erklärt, er sei weder verhaftet noch unter Hausarrest gestellt worden. Es hätten lediglich Mitglieder der Regierungspartei CCM versucht, ihn einzuschüchtern. Daher habe er sich für einige Tage nach Dar es Salaam zurückgezogen, sei jetzt aber wieder zuhause in Mwanza.

Tageszeitung "Der Standard" rudert zurück

Gestern nahm als erste österreichische Tageszeitung "Der Standard" (Wien) die Verbreitung der Anschuldigungen Saupers vom Netz und gab einem weiteren Zeitungsartikel die Überschrift "Die Wogen des Viktoriasees glätten sich - Sauper-Informant doch nicht verhaftet". Der Artikel klärt zudem auf, dass die Erklärung des tansanischen Parlaments lediglich "den Produzenten gewarnt hat, seine Meinungsfreiheit nicht zu missbrauchen". Von der Behauptung, Tansania hätte Sauper "zum Staatsfeind erklärt" ist nun keine Rede mehr.

Der Standard vom 25.8.2006

Finnland: "Kein Grund zum Einschreiten"

Der österreichische Außenamtssprecher Georg Schnetzer zog ebenfalls seine Vorwürfe zurück und teilte mit, dass "die finnische EU-Ratspräsidentschaft derzeit keinen Grund zum Einschreiten sehe". Man halte lediglich den Fall unter Beobachtung.


"Darwins Nachtmärchen"

Ein Kommentar von Rudolf Blauth

Dokumentarfilmer Hubert Sauper hat sich selbst in eine Zwickmühle katapultiert, aus der es für ihn, für seine künstlerische Reputation und für "Darwins Alptraum" kein Entrinnen mehr gibt. Wenn er die angebliche Verhaftung und Verfolgung des tansanischen Journalisten Richard Mgamba selbst erfunden hat, dann glaubt man ihm auch die ungeheuerlichen und unbewiesenen Behauptungen seines Dokumentarfilms nicht mehr. Besteht Hubert Sauper aber darauf, dass Mgamba ihm von seiner Verhaftung in Tansania erzählt hat, dann hat Mgamba entweder gegenüber Hubert Sauper oder gegenüber der deutschen Botschaft gelogen - und dann steht die Glaubwürdigkeit eines Mannes in Frage, der als einziger in "Darwins Alptraum" behauptet, dass Mwanza ein Umschlagplatz für den internationalen Waffenhandel in Schwarzafrika sei. Wer soll Mgamba das dann noch glauben?

Die in dieser Heftigkeit nicht erwarteten und auch sehr späten Proteste Tansanias, denen sich auch tansanische Künstler angeschlossen haben, mögen aus unserer Sicht im ersten Augenblick (Stichwort "Freiheit der Kunst") übertrieben sein, werden aber auf den zweiten Blick durchaus verständlich. Zählt doch Tansania nach jahrhundertelanger Sklaverei und Kolonialherrschaft und nach erst wenigen Jahrzehnten der Unabhängigkeit heute zu den wenigen Ländern Schwarzafrikas, die nicht durch Bürger-, Religionskriege oder kriegerische Auseinandersetzungen mit Nachbarstaaten gestraft sind. Und dies trotz Nachbarstaaten wie Kongo, Burundi, Ruanda und Uganda, in denen die Opfer zahlreicher Massaker und Völkermorde kaum noch zu zählen sind. Tansania ist ein Stabilitäts- und Friedensfaktor in ganz Afrika und nicht umsonst Sitz eines UN-Kriegsverbrechertribunals. Tansania hat nie seine Nachbarn militärisch angegriffen und lediglich einen Angriff Ugandas unter Idi Amin erfolgreich zurückgeschlagen. Kurzum: Tansanier haben nicht oft Gelegenheit, auf die Entwicklung ihres armen Landes stolz zu sein, im Falle der inneren Stabilität und ihren Beziehungen zu den Nachbarländern sind sie es zu Recht und profitieren ebenso zu Recht von diesem Ruf in ihren Beziehungen zu den reichen Industriestaaten.

Hubert Sauper hat mit seiner Behauptung, auf tansanischem Boden gäbe es eine staatlich tolerierte Drehscheibe für illegalen internationalen Waffenhandel, eben diesen Stolz der Tansanier nachhaltig verletzt. Einmal unterstellt, die Geschichte entspräche nicht der Wahrheit: Wie muß man sich fühlen, wenn für die Verbreitung dieser Unwahrheit 17 renommierte Filmpreise verliehen werden?

Mit dem weltweit beachteten Film wurde "Darwins Alptraum" zu einem der erfolgreichsten Dokumentarfilme der vergangenen Jahrzehnte und zu einer medialen Waffe der Globalisierungskritiker. Sauper liefert ihnen alle Klischees, die man sich nur wünschen kann: illegaler Waffenimport aus Europa in ein Land der Dritten Welt, Ausfuhr von Lebensmitteln (die von den Hungernden so dringend benötigt werden), von Europäern verursachtes ökologisches Desaster, Prostitution, Aids, Straßenkinder, Elend, Hunger, nackter Überlebenskampf  und eklatantes Versagen der Kirche. Mehr geht nicht.

Dies alles in düsteren und bewegenden Bildern mit einer auf Authenzität getrimmten (und ausschließlich durch O-Töne unterlegte) Kameraführung auf Leinwand gebracht, hat vermutlich mehr zum internationalen Erfolg des Filmes beigetragen als die künstlerische Qualität. 

Die Tansanier selbst, im Film als leidende Globalisierungsopfer bis zur Unerträglichkeit funktionalisiert, spielen in diesem Spiel überhaupt keine Rolle. Wer die entsetzten und empörten Reaktionen von vier Mitgliedern der Bagamoyo Players in einem Ahlener Kino miterlebt hat (s. Interview im letzten Newsletter 28/2006), der kann vielleicht auch die gegenwärtige Empörung in Tansania nachvollziehen - ganz unabhängig davon, ob sie nun den Film selbst gesehen haben oder nicht.  

Natürlich sind alle Klischees, die der Film bedient, in Afrika real vorhanden. Natürlich gibt es in Tansania Armut, Prostitution, Aids. Natürlich ist Tansania von den Folgen der Globalisierung konkret betroffen und natürlich wäre es toll, wenn endlich einmal ein Dokumentarfilm internationalen Erfolg hätte, der sich nicht nur mit der tatsächlich wunderbaren Natur- und Tierwelt Afrikas auseinandersetzt. Doch Hubert Sauper handelt unverantwortlich, egostisch und kontraproduktiv, wenn er für seine zentralen Behauptungen nicht nur nicht den Hauch eines Beweises antritt, sondern gleich in mehreren Interviews behauptet, dass er als Dokumentarfilmer schließlich kein Journalist sei und daher auch nicht verpflichtet sei, einen Beweis für die Richtigkeit seiner Behauptungen anzuführen.

Dies wäre (überspitzt ausgedrückt) genauso, als wenn ein tansanischer Dokumentarfilmer nach Ahlen fliegt, dort einen Dokumentarfilm mit der Kernaussage dreht, dass die Stadt Zentrum eines faschistischen und rassistischen Netzwerkes in Europa sei, dafür mehrere afrikanische Dokumentarfilmpreise erhält, für den Dokumentarfilm-Oscar nominiert wird (mit einem Thema, dass in den USA und in England sicher gut ankäme), weltweit Anerkennung für seinen mutigen Film einsammelt und auf die Frage nach den Beweisen für seine Behauptungen lapidar antwortet: "Ich bin halt nur ein Dokumentarfilmer und kein Journalist". Wie würden wir reagieren?

Künstler Nkwabi aus Tansania hat in dem bereits erwähnten Interview seine Kritik präzise auf den Punkt gebracht: "Es ist ein Spielfilm und kein Dokumentarfilm". Doch in der Kategorie "Spielfilm" gewinnt man mit "Darwins Alptraum" halt keine Filmpreise.

Gestern hat nun Hubert Sauper die Meldung der Wiener "Krone", wonach Killerkommandos auf ihn angesetzt worden seien, selbst als "rassistisch" bezeichnet. Doch wenn man Geister ruft, muß man sich nicht wundern, wenn sie dann tatsächlich auch kommen.

Im Wiener "Kurier" vom 20.8.2006 (inzwischen vom Netz genommen) bezeichnet übrigens Hubert Sauper "Darwins Alptraum" als "Liebeserklärung" an Tansania. Ein überaus merkwürdiges Verständnis von Liebe.


Kein Oscar für "Darwins Alptraum"

Hubert Sauper
Hubert Sauper

Der sensationell als einer von fünf Filmen für die Oscar-Verleihung am 5. März in der Kategorie "Beste Dokumentation (lang)" nominierte Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" des Österreichischen Filmemachers Hubert Sauper, der von den Auswirkungen der Globalisierung am Beispiel der Lebensbedingungen in Mwanza am Victoriasee in Tansania handelt, hat es erwartungsgemäß nicht geschafft, an dem Welterfolg "Die Reise der Pinguine" vorbeizuziehen.

Dennoch: Alleine die Nominierung für Los Angeles ist ein Riesenerfolg für den in Paris lebenden Filmemacher, der für seinen Film bereits 25 Filmpreise, darunter den höchsten europäischen Dokumentarfilmpreis, erhalten hat und damit zu den erfolgreichsten Dokumentarfilmern der vergangenen Jahrzehnte zählt.


Sauper: "Ich war schon knapp vor dem Brechreiz"

Regisseur von "Darwin's Nightmare" nicht enttäuscht, wollte aber in unpolitischer Veranstaltung politischen Akzent setzen: "Das wäre richtig hart geworden."

Paris/Wien - Enttäuscht sei er nicht, versicherte der in Paris lebende Österreichische Filmemacher Hubert Sauper, dessen "Darwins's Nightmare" heute nicht den Dokumentarfilm-Oscar an Land ziehen konnte, in einer ersten Reaktion gegenber der APA. "Für mich war es nie das höchste der Gefühle. Ich habe mit dem Film bereits 25 Auszeichnungen bekommen und brauche das nicht mehr wirklich." Sein persönliches Resümee der Gala: "Es gibt eben auch viele unpolitische Leute in Hollywood."

Politischen Akzent in unpolitischer Veranstaltung

In der insgesamt sehr unpolitischen Veranstaltung hätte er gerne einen Akzent gesetzt, schilderte Sauper: "Nervös war ich nur deshalb, weil ich die Gelegenheit ergreifen wollte, vor einem Publikum von 500 Millionen Menschen ein politisches Statement abzugeben. Das war meine Hoffnung. Ich hätte in meiner Dankesrede sicher nicht meine Mama gegrüßt. Das wäre richtig hart geworden."

In Frankreich triumphierte er über "Pinguine": "In Europa wählen eben andere Leute"

Bei den französischen Filmpreisen, den "Cesars", hatte sich "Darwins's Nightmare" noch gegen "Die Reise der Pinguine" durchgesetzt, in Hollywood war es umgekehrt. "In Europa wählen eben andere Leute, Menschen, die sich vielleicht mehr mit den Filmen auseinander setzen", meinte Sauper, "Ich weiß auch nicht, wie hier das Lobbying passiert." Die Begeisterung konservativer US-Kreise für den Film sei von den Regisseuren von "Die Reise der Pinguine" keineswegs beabsichtigt gewesen: "Das ist denen passiert. Diese Filmemacher haben überhaupt keinen politischen Anspruch."

"Ich war schon knapp vor dem Brechreiz"

Als "ein Spektakel, ganz Hollywood-mäßig eben", schildert der 39-jährige Tiroler die Gala. "Ich war schon knapp vor dem Brechreiz, als ich mit einer Riesen-Limousine vom Hotel abgeholt wurde." Dagegen habe er sich jedoch nicht wehren können: "Es hieß, das sei als Vorsichtsmanahme vor Terror-Anschlägen notwendig", schilderte Sauper im Telefonat direkt vom "Governors Ball" im Anschluss an die Preisverleihung. "In den USA sind die Oscars natürlich in der Filmbranche das höchste. Mit ihnen ist man gesellschaftlich anerkannt, aber sie sind vor allem für die wichtig, die sich viele Millionen Dollar von der US-Filmindustrie erhoffen. Das brauche ich alles nicht. Ich habe mich immer in anderen Kategorien bewegt. Diese ganzen Preisverleihungen gehen mir ohnedies schon auf die Nerven. Wichtig ist, dass ich jetzt endlich an meinen nächsten Film denken kann." (APA)


"Darwins Alptraum" unter den letzten 5 nominierten Filmen

Oscar-Verleihung in der Nacht vom 5. auf den 6. März 2006

Der bereits mit dem Europäischen Filmpreis und 25 weiteren Preisen ausgezeichnete Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" hat als krasser Außenseiter auch die letzte Hürde übersprungen und ist von der Jury als einer von fünf Filmen für die Oscar-Verleihung (TV-Übertragung auf Pro Sieben ab 2 Uhr) in der Kategorie "Beste Dokumentation (lang)" nominiert worden.

Der eindrucksvolle Film des österreichischen Filmemachers Hubert Sauper handelt von den Auswirkungen der Globalisierung am Beispiel der Lebensbedingungen in Mwanza am Victoriasee in Tansania. Es ist ein verstörender Film über den florierenden globalen Handel von Waffen und Lebensmitteln, ein Film über Profitgier, Ausbeutung und Hoffnungslosigkeit in Zeiten der Globalisierung.

Am 6. März (MEZ) bei der weltweit übertragenen Oscar-Preisverleihung muss nun "Darwins Alptraum" das schier Unmögliche schaffen und sich gegen die übermächtige Konkurrenz von "Die Reise der Pinguine" von Luc Jaquets, "Enron: The smartest guys in the room" von Alex Gibney sowie "Murderball" und "Street Night" durchsetzen.


"Ich fühle mich unter meinen Freunden in Tansania wohler als in Hollywood"

Hubert Sauper
Hubert Sauper

Interview mit Hubert Sauper

Herzlichen Glückwunsch zur Oscar-Nominierung!
Hubert Sauper: Ja, danke! Das ist wirklich ganz erfreulich, obwohl es auch so viele andere gute Filme gibt, die nie für einen Oscar nominiert werden. Aber da mein Film doch eine ziemlich radikale politische Botschaft vermittelt, gibt mir diese Nominierung fast das Gefühl, dass es noch nicht zu spät ist für die Welt.

Frage: Geht für Sie mit der Oscar-Nominierung ein Lebenstraum in Erfüllung?
Sauper: Das würde ich so nicht sagen. Mein Lebenstraum erfüllt sich jeden Tag, indem ich tun darf, was ich tue.

Frage: Wird das am 5. März die erste Oscar-Show sein, die Sie live erleben?
Sauper: Ja, sicher, und ich weiß eh noch nicht, ob ich da überhaupt sein will. Obwohl das sicher ein großes Fest wird. Ich glaube aber, ich fühle mich unter meinen Freunden in Tansania wohler als bei den Hollywood-Leuten. Natürlich ist künstlerische Anerkennung wichtig, aber davon hat der Film mit 26 Preisen schon mehr als genug bekommen. Wesentlicher erscheint mir, dass auf diese Art Menschen eine Stimme bekommen, für die sonst niemand spricht, dass Zustände ins Rampenlicht gerückt werden, von denen wir sonst nichts wissen wollen.

Frage: Das klingt jetzt aber schon sehr nach einer schönen Dankesrede ...
Sauper (lacht): Ja, zum Beispiel ... Da muss ich mir wohl etwas ausdenken und dann natürlich auch "Thanks to my mother. She is crying in front of the television in Tyrol!" sagen.

Frage: Woran arbeiten Sie momentan?
Sauper: Wieder einmal an einem Film, über den ich noch nicht reden kann, weil das politisch gefährlich wäre und das Projekt gefährden würde.

Das Gespräch führte Irene Heisz (Tiroler Tageszeitung) am 31.1.2006

Die Nominierungen für den 78. Oscar 2006 im Überblick


Pressereaktionen:



Bester europäischer Dokumentarfilm

Der Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" ("Darwin's Nightmare"), der Ende März 2005 in den Programmkinos angelaufen ist, hat bereits die internationalen Filmpreise von Venedig, Montreal, Wien, Kopenhagen und Paris gewonnen und wurde mit dem Europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. Er wurde im nordtansanischen Mwanza gedreht und setzt sich mit zum Teil brutalen Bildern mit den Folgen der aus wissenschaftlichen Gründen vorgenommenen Aussetzung des Nilbarsches im Viktoriasee vor 30 Jahren auseinander. Mittlerweile hat der Fisch fast 400 einheimische Fischarten des Viktoriasees ausgerottet und ist einer der wichtigsten Exportgüter Tansanias. Täglich fliegen Flugzeuge mit Piloten aus Russland oder der Ukraine nach Norden, um den Fisch auf den europäischen Markt zu bringen, und mit Waffen beladen fliegen die Flugzeuge nach Ostafrika wieder zurück.

Der Film handelt sehr beeindruckend und sehr schonungslos von Fisch, einheimischen Fischern, Agenten der Weltbank, tansanischen Straßenkindern, afrikanischen Ministern, EU-Kommissaren, tansanischen Prostituierten und russischen Piloten.

"Darwins Alptraum" ("Darwin's Nightmare")
Dokumentarfilm von Hubert Sauper
Frankreich/Österreich/Belgien, 2005
107 Min., 35mm
Homepage zum Film
Trailer (2 Min.)


"Darwins Alptraum" gewinnt französischen Filmpreis "Cesar"

Foto: "Krone" / Österreich
Foto: "Krone" / Österreich

Ein weiterer großer Erfolg für den österreichischen Regisseur Hubert Sauper: Sein Dokumentarfilm "Darwin's Nightmare" erhielt am 25.2.2006 in Paris den renommierten französischen Filmpreis "Cesar" für den besten Debütfilm.


Staatspräsident Kikwete schaltet sich in die Diskussion um den Dokumentarfilm von Hubert Sauper ein

Staatspräsident Kikwete
Staatspräsident Kikwete

Welche Wirkung der Dokumentarfilm "Darwins Alptraum" auch in der tansanischen Politik erzielt, dokumentiert die erstaunliche Tatsache, dass sich sogar der tansanische Staatspräsident Kikwete zu einer Stellungnahme genötigt sah. Während eines Aufenthaltes in Mwanza wies der Präsident die in dem Film erhobene, nicht aber bewiesene Behauptung zurück, über die am Victoriasee gelegene Hafenstadt Mwanza würden Waffen aus Osteuropa eingeführt und an die Bürgerkriegsgebiete der Nachbarstaaten weitergeleitet.

Kikwete teilte mit, dass er während eines Aufenthaltes in Paris persönlich mit dem österreichischen Filmemacher Hubert Sauper zusammengetroffen sei und diesen aufgefordert habe, seine Behauptung zu belegen. Dazu sei Sauper jedoch nicht in der Lage gewesen. Tansania trete, so Kikwete, für Frieden und Einheit in der Region der großen Seen ein und würde es nie zulassen, dass über Tansania Waffenlieferungen in die afrikanischen Krisenregionen erfolgen. Der Dokumentarfilm von Hubert Sauper schädige das Image Tansanias und schade zudem auch noch dem Fischhandel zwischen Tansania und Europa.


Tansanische Regierung kritisiert "Darwins Alptraum"

Aus Anlass der Verleihung des französischen Filmpreises "Cesar" an "Darwins Alptraum" sah sich die tansanische Botschaft in Paris veranlasst, eine ausführliche, mehrseitige Kritik an dem globalisierungskritischen Dokumentarfilm zu üben. Tansania sehe sich vollkommen zu Unrecht in die Nähe von Waffenschieberei und Bürgerkrieg gerückt, so einer der Kernpunkte des Statements. Für den uninformierten Kinobesucher werde ein absolut falsches Bild von Tansania gezeichnet.


"Der Film lebt ganz wesentlich vom europäischen Blick"

Von Alja Epp-Naliwaiko (Initiative Pro Afrika)

Auf den ersten Blick erscheint der Film sachlich und emotionslos. Ich behaupte aber, dass er das nicht ist. Er lebt ganz wesentlich von Empörung (die angesichts der afrikanischen Realität ja richtig ist), aber auch vom europäischen Blick; denn weil ganz wichtige Informationen in dem Film weggelassen werden, füllt der europische Zuschauer diese Lücken dann mit seinen eigenen europäischen Vorstellungen. Und die sind nun mal nicht immer richtig. (...)

Zwei Millionen Europäer essen Fischfilets und den Afrikanern bleiben nur die Gräten. So die Hauptaussage des Film. Das ist natürlich skandalös, da gibt es nichts zu beschönigen. Aber wenn wir davon sprechen, dass die Afrikaner nicht nur immer Hilfeempfänger sein sollen, sondern selbst in die Lage versetzt werden sollen z.B. über den Export etwas zu verdienen (und das fordern doch alle wohlmeinenden Menschen: Weg mit den Exporthemmnissen usw.), dann wird es unter globalen kapitalistischen Verhältnissen meist genau so aussehen. (...)

Neben diesem Hauptthema gibt es aber noch ein paar Nebenthemen:

1. Es wird von Waffenhandel gesprochen und es wird angedeutet, dass die Flieger mit Waffen reinkommen und mit Fischfilets wieder wegfliegen. Bewiesen aber wird das nicht, sondern im Film von einem einheimischen Journalisten nur behauptet. (...)

2. Es wird suggeriert, dass man, wenn die Filets nicht außer Landes geschafft würden, eine sich abzeichnende Hungersnot in einem anderen Teil Tansanias verhindern oder doch mildern könnte. Das möchte ich bestreiten. Selbst wenn die Leute bereit wären, Nilbarsch-Filets zu essen, müßte man den Fisch ja zu ihnen bringen, dann auch noch mit Kühlkette. Das ist gar nicht machbar, die dazu notwendige Infrastruktur hat Tansania nur in wenigen Teilen des Landes. Auerdem könnten die "normalen" Bauern den Preis für eine solchen Fisch doch gar nicht bezahlen, denn ihr wirkliches Problem ist ja, dass sie arm sind. Und weil sie arm sind, können sie sich keine Nahrungsmittel kaufen und darum hungern sie, wenn ihre eigene Ernte wegen fehlenden Regens ausfällt. Wenn man nun alternativ zur Kühlung die Nilbarsche konservieren würde, indem man sie auf traditionelle Art trocknet/räuchert, wie es die Leute ja mit den Skeletten machen, da wäre in nullkommnichts der gesamte Baumbestand Tansanias vernichtet. Das ist einer der Gründe, warum in Ostafrika Nilbarsch eigentlich nicht gegessen wird, er ist zu schwer zu konservieren, weil er so groß ist. Deshalb essen die Leute lieber kleinere Fische, z.B. Tilapia, der wird frittiert, so wie die halbierten Köpfe der Nilbarsche, oder zu diesem Räuchertrockenfisch gemacht und dann als Bestandteil einer Soße gegessen. (...)

3. Es wird gar nicht klar, wie denn der Fang selber organisiert ist. Es sind ja gewaltige Mengen Fisch, die da an Land befördert werden. Wem gehören die Boote? Der Fabrik? Wie werden die Fischer bezahlt? Kriegen die ein Gehalt oder geht das nach Fang? (...) Es ist auch ganz unklar unter welchen Bedingungen die Leute in der Fabrik arbeiten, zu welchen Löhnen usw.

4. Und jetzt komme ich zu den anderen Akteuren des Films, den Prostituierten und den Straßenkindern. Sollen sie die Bevölkerung von Mwanza vertreten? Das kann ja nicht alles sein, darauf lassen sich die Einwohner der Stadt bestimmt nicht reduzieren. Man sieht einige innerstädtischen Straßen mit den überdachten Bürgersteigen vor den Geschäften - wie das in ganz Ostafrika üblich ist - und da sitzen, schnüffeln und schlafen diese Jugendlichen. Mwanza ist eine große Stadt in einem Teil Tansanias, der immer schon vor allem eines war: arm. Trotzdem ist mir nicht klar, warum diese Stadt fast auschließlich in der Nacht vorkommt, jetzt ganz wörtlich gemeint, im Dunklen. Wäre sie, wenn man sie bei Tage filmte, zu lebendig, bunt und laut und würde somit nicht in den Film bzw. in seine Tendenz passen? Ich kenne solche Bilder wie diese Nachtbilder persönlich nur von Norduganda, aber da war und ist Bürgerkrieg. Jedenfalls ist das ist nicht die Regel, wie afrikanische Städte aussehen, so dunkel, verlassen und leer.

Mir ist auch gar nicht klar, wer diese Kinder sind. Einen der Jungen fragt der Regisseur, ob er Fischer werden möchte wie sein Vater. Durch diese Frage versucht er sie wohl in die Nähe der Fischer zu rücken, aber da kommt keine so rechte Antwort. Auf die Fragen nach ihrer Herkunft drucksen sie herum, aber ich denke es sind vor allem Aids-Waisen, die das aber nicht sagen wollen, weil es hier anscheinend immer noch ein Stigma ist. Dann hätten aber die Jungens rein gar nichts mit den Nilbarschfilets zu tun. Nun muß man aber auch sagen, dass es in allen, auch in kleineren afrikanischen Stdten Straßenkinder gab und gibt. Das sind aber nicht unbedingt Straßenkinder in dem Sinn, dass sie gar kein Zuhause hätten. Viele halten sich lieber woanders auf, schließen sich mit anderen Jungens zu kleinen Cliquen zusammen. Aber durch Aids sind in den letzten Jahre natürlich Aids-Waise als echte Straßenkinder zu einem riesengroßen Problem geworden.

5. Zu den Prostituierten kann ich nur sagen, dass Sex in Afrika tendenziell immer schon näher am Markt war als in unseren Ideal der romantischen Liebe. Es gibt auch auf dem kleinsten Dorf Gelegenheitsprostitution gegen Geld, Nahrungsmittel, Kleidung usw. Diese Prostituierten bedienen jetzt europäische Piloten, vorher haben sie wahrscheinlich afrikanische Lastwagenfahrer bedient, die bestimmt weniger bezahlt haben. Wegen der durchreisenden Kundschaft hat sich ja auch Aids so sehr verbreitet. Aber wenn es die Piloten nicht wären, wären es andere Kunden, mit dem Nilbarsch hat das wiederum auch nichts zu tun.

Quelle: www.Initiative-Pro-Afrika.de
(Pfad: "Presseerklärungen und Berichte"/"Zu Saupers Film - Darwins Alptraum")

Zur Person:

Die Ethnologin Alja Epp-Naliwaiko wohnt in Fulda und ist Koordinatorin der Initiative Pro Afrika e.V. und Kreisgeschäftsführerin und stellv. Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen in Fulda.


Die Bilder sind so aggressiv wie Barsche

Filmausschnitt
Filmausschnitt

Eine Tragödie aus Tansania: Hubert Saupers Film "Darwin's Nightmare" handelt vom Fischfang am Victoriasee. Der Regisseur überträgt die Körperlogik des Splatterfilms auf den Dokumentarfilm. Afrika erscheint als Kontinent der Hoffnungslosigkeit und des Todes. Doch wie zwingend ist diese Perspektive?

von Cristina Nord

Eine Krankenstation im Südsudan. Der Boden besteht aus Erde. Betten und Medikamente fehlen. Die Patienten sind Bürgerkriegsflüchtlinge. Sie haben Tuberkulose, Durchfall, leiden an der Schlafkrankheit oder an Amöbenbefall. Sie wirken apathisch, matt, unterernährt. Der sie in einer langen, ungeschnittenen Sequenz filmt, ist der französische Regisseur Raymond Depardon. "Afriques, comment ça va avec la douleur?" heißt sein Film aus dem Jahre 1996, "Afrika, wie geht's mit dem Schmerz?", eine fast dreistündige, subjektiv gefasste Reise durch Afrika. Hier im Südsudan, nach etwa zwei Stunden Filmdauer, nach Aufnahmen im vom Völkermord erschütterten Ruanda, im vom Bürgerkrieg versehrten Somalia, im von Minen entstellten Angola, will Depardon nicht mehr: "Ich sollte jetzt aufhören zu filmen, die Kamera abstellen, Ihnen diese Bilder nicht zeigen." Trotzdem dreht er weiter. Warum? Seine Stimme erklärt es aus dem Off. Die Krankenschwester, die ihm die Möglichkeit gewährt, die Station zu besuchen, habe ihn darum gebeten - damit die Situation der südsudanesischen Flüchtlinge ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücke. Der Kommentar aus dem Off begleitet die Bilder: "Jeder Filmemacher", sagt Depardon, "hat eine moralische Verpflichtung gegenüber der Kameraeinstellung." Im konkreten Fall heißt das: Wenn er schon in dieser Krankenstation Aufnahmen macht, dann möchte er darauf verzichten, durch Montage den Zeitablauf zu straffen. Denn sobald sich der Film nicht an die Echtzeit hält, so Depardon, erliege der Regisseur zu leicht der Versuchung, die spektakulärsten Einstellungen auszuwählen.

Einige hundert Kilometer weiter südlich, am tansanischen Ufer des Victoriasees, liegt die Stadt Mwanza. Hier hat der österreichische Regisseur Hubert Sauper den Dokumentarfilm "Darwin's Nightmare" (2004) gedreht, der heute in die Kinos kommt. Der titelgebende Albtraum ist ein Fisch: der nile perch, im deutschen Sprachraum als Victoriabarsch bekannt. Vor 40, 50 Jahren wurden ein paar Exemplare dieses Fischs in dem ostafrikanischen Binnengewässer ausgesetzt; seither hat er sich radikal vermehrt. Die Pflanzen fressenden Fische hat er ausgerottet, sodass die Algen wuchern. Außer den metergroßen, von den Anwohnern "predator" genannten Barschen ist nicht viel Fauna übrig - sieht man von den Krokodilen ab.

"Darwin's Nightmare" lief auf der Filmbiennale von Venedig und hat verschiedene Auszeichnungen erhalten (unter anderem den Europäischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm). Das nimmt nicht wunder, da der Film eindringlich auf die Schattenseiten der Globalisierung verweist. Nachdem man "Darwin's Nightmare" gesehen hat, möchte man weder Victoriabarschfilet kaufen noch eine EU-Wirtschaftshilfe unterstützen, der das Kriterium der Nachhaltigkeit gleichgültig bleibt. Der nile perch ist Exportgut und damit Grundlage einer Industrie, die, darin dem Fisch ähnlich, alle anderen Formen der Existenzsicherung verdrängt hat. Die EU schießt Gelder zu, damit die Fischverarbeitungshallen europäischen Standards genügen. Jenseits des Fischfangs, so machen es die Bilder und die Schriftinserts glauben, gibt es in Mwanza nichts als Prostitution und Waffenhandel. Der schließt sich an den Transport der Fischfilets an. Für diejenigen, die an dieser Produktions- und Verwertungskette nicht teilhaben, bleiben zum Essen die Fischköpfe und die Gräten. Und für die Kinder, die Waisen verunglückter Fischer und der vielen Aids-Toten, bleibt der Klebstoff des Verpackungsmaterials. Den zu inhalieren lindert die Hungergefühle und hilft beim Einschlafen.

Depardons Skrupel - was darf man zeigen, was nicht, welchen Sinn haben Bilder von Armut, Hunger und Krankheit, welche Position nimmt man ihnen gegenüber als Filmemacher ein? - berühren Sauper nicht. Seine Bilder stellen ihre eigene Dringlichkeit aus, indem sie einen unruhigen, schlecht ausgeleuchteten, offenkundig improvisierten look erzeugen. Die Kamera - Sauper führt sie selbst - zoomt sich nah an die Gegenstände heran und scheut dabei auch vor drastischen Effekten nicht zurück. Einmal etwa zeigt eine Großaufnahme die Füße einer Arbeiterin, die in einem Matsch aus Gräten, Fischköpfen und Maden steht. Wenn diese Fischköpfe eine Weile später von Ammoniakdämpfen umweht werden, gewinnt man den Eindruck, geradewegs in die Hölle zu schauen.

Oft entwickeln diese Bilder eine auffällige Affinität zu schleimigen Substanzen, zu den Skeletten der Fische, aber auch zu verstümmelten Körpern von Menschen. In "Kisangani Diary" (1998), Saupers 45-minütiger Dokumentation über Massaker im Osten Zaires, ist diese Neigung noch ausgeprägter als in "Darwin's Nightmare". Die Kamera will von den deformierten Körpern nicht ablassen. Sie nimmt die Greisenhaut der unterernährten Kinder ausgiebig ins Visier, sie schaut sich Todgeweihte an und macht vor Einstellungen auf verwesende Leichen nicht Halt.

Damit folgt Sauper in gewisser Weise der Körperlogik eines Splatterfilms. Er stellt aus, wie Körper ihre Integrität verlieren. Ekelgrenzen werden überschritten, indem voneinander geschiedene Bereiche vermischt werden. Wo die Körper verwundet oder entzündet sind, stülpen sie sich selbst nach außen und lassen den Blick auf ein weiches, undefiniertes Inneres zu. In den ausgezehrten Kindergesichtern vereinen sich Jugend und Alter; die Grenze zwischen Leben und Tod steht ohnehin auf dem Spiel. Von Eliza, der Prostituierten aus "Darwin's Nightmare", erfährt man gegen Ende des Films, dass sie von einem Freier umgebracht wurde; von den Menschen in "Kisangani Diary", dass sie von den Truppen Laurent Kabilas ermordet wurden, kurz nachdem Sauper im Frühjahr 1997 gedreht hatte. Man schaut dem Tod bei der Arbeit zu.

Sauper kreuzt das hochgradig fiktionale Splatter-Genre mit dem des Dokumentarfilms. Wenn er dafür Afrika zum Schauplatz wählt, so ist dies insofern konsequent, als der Kontinent immer schon Fantasien vom Herzen der Finsternis entzündete. Sauper bleibt der Perspektive treu, in der Afrika den locus terribilis der europäischen Imagination darstellt. Zugleich kommt es einer Mutprobe gleich, diese Bilder auszuhalten. Man blickt in die Hölle und ist dabei tapfer genug, nicht mit der Wimper zu zucken - so wie Sauper furchtlos genug ist, an den Orten des Elends zu drehen und Zeugnis davon abzulegen. Diese Autorenposition lässt sich häufig in Berichten aus Afrika antreffen, gleich ob diese filmischer, literarischer, essayistischer oder fotografischer Natur sind. Der Schrecken wird ohne Sentimentalität wiedergegeben, knallt dafür aber umso mehr. Und möglicherweise ist es Sauper umso lieber, je lauter es knallt. Denn mit jedem Schreckensbild stellt er die eigene Unerschrockenheit erneut unter Beweis. Wo er die Wahl zwischen einem spektakulären und einem unspektakulären Bild hat, wählt er Ersteres. Darin sind die Bilder von "Darwin's Nightmare" wie die Barsche: Sie verdrängen, was weniger durchsetzungsfähig ist. Dass es in Mwanza so etwas wie Alltag und Normalität geben könnte, dass selbst das Elend Formen von Würde kennt, das erfährt man aus "Darwin's Nightmare" nicht.

Eben dies einzufangen gelingt anderen Dokumentationen sehr wohl. Raymond Depardon beobachtet immer wieder Situationen, die ebenso schrecklich sind wie das, was Sauper in Tansania und Zaire sieht. Doch wo Sauper klebstoffumnebelte Kinder filmt, zeigt Depardon solche, die mit Hilfe ihrer List und ihrer Hartnäckigkeit Hülsenfrüchte einsammeln, während sie einen Lastwagen mit Lebensmittellieferungen umkreisen. Bei ihm sind die Kinder keine Kadaver in spe, sondern Akteure. Damit entzieht er sich einer Perspektive, in der Afrika der Kontinent der Hoffnungslosen, der Nicht-Subjekte und des Todes ist. Ein Kontinent, in dem unerklärliche Konflikte Millionen von Menschenleben kosten; ein Kontinent, in dem dunkle Mächte miteinander ringen. Nicht zufällig kommt "Afriques, comment ça va avec la douleur?" auf dem Hof von Depardons Eltern im heimischen Frankreich zum Ende. Afrika wird nicht abgespalten, es wird herangeholt, zumal die Kamerabewegung eine Kontinuität herstellt: In Villefranche-sur-Saône bedient sich Depardon des gleichen 360-Grad-Schwenks, den er zuvor in Angola, Äthiopien oder Somalia zum Einsatz brachte.

Ein anderes Beispiel ist "Nous ne sommes plus morts!" ("Wir sind nicht mehr tot!", 2000), ein Film über den Genozid in Ruanda, gedreht von dem aus Kamerun stammenden Filmemacher François L. Woukoache. In langen, ruhigen Einstellungen filmt er die Orte, an denen die Hutu-Milizen 1994 die Tutsi ermordeten. Die Natur ist teilnahmslos, das Gras ist gewachsen, die Vögel zwitschern. Doch die Kirchen, in denen die Tutsi vergeblich Zuflucht suchten, sind voller Spuren der Massaker. Woukoache schließt sich einer Gruppe afrikanischer Intellektueller an, die 1998 Ruanda bereist und dabei herauszufinden versucht, wie das Land mit der Erinnerung an den Völkermord umgeht. Die Vorwürfe der Überlebenden an die Besucher sind klar formuliert: Wo wart ihr 1994? Warum hat niemand eingegriffen? Warum waren die internationalen Medien nicht dazu in der Lage, die Geschehnisse abzubilden? Woukoache lässt seinen Gesprächspartnern genug Raum, damit sie aus der Rolle namen- und sprachloser Opfer heraustreten. Mit ihrer Eloquenz und ihren Analysen führen sie jede Vorstellung von dunkel ringenden Mächten ad absurdum. In "Afriques, comment ça va avec la douleur?" heißt es einmal: "Bevor es Konflikte zwischen Ethnien gibt, gibt es politische Konflikte."
An einer Stelle liefert "Nous ne sommes plus morts!" eine Art missing link zu "Kisangani Diary". Einer von Woukoaches Gesprächspartnern berichtet, wie die Hutu-Milizen, nachdem sie den Völkermord verübt hatten, 1994 in den Osten Zaires flohen. Sie kontrollierten die dortigen Flüchtlingslager, organisierten die Vergabe der Nahrungsmittel, sie rekrutierten und trainierten neue Milizionäre. Ihr Ziel war es, wieder in Ruanda einzufallen.

"Kisangani Diary" ist zwar genau vor diesem Hintergrund angesiedelt, unternimmt aber wenig, ihn zu beleuchten. Die Informationen bleiben fragmentarisch. Die Menschen in den Flüchtlingslagern seien "vom Rest der Welt abgeschrieben", heißt es zu Beginn, denn sie würden kollektiv des Völkermords bezichtigt. Die Hilfswerke hätten sich zurückgezogen. Dass dieser Rückzug unmittelbar mit den Aktivitäten der Milizen zu tun hatte, erfährt man nicht. Häufig ersetzt die Schwarzblende jede Form der Kontextualisierung, und noch häufiger ersetzen die schockierenden Bilder die Erklärung. Das Problem von "Kisangani Diary" manifestiert sich am deutlichsten, wo lückenhafte Information und grelle Bilder aufeinander stoßen: Das eine macht das andere umso fragwürdiger. Wer demgegenüber auf der Kontextualisierung beharrt, hat die Massaker, die schließlich die Truppen Laurent Kabilas an den Flüchtlingen verübten und denen Saupers Interesse gilt, noch lange nicht verharmlost. "Niemand weiß", heißt es einmal, "was hier passiert." Niemand muss in dieses Raunen einstimmen.

"Die Tageszeitung" vom 17.3.2005


Darwins Alptraum

Filmszene
Filmszene

von Reinhard Lüke

Druckversion Die Katastrophe begann scheinbar harmlos. Im Rahmen eines wissenschaftlichen Experimentes wurden Ende der 1960er-Jahre ein paar Barsche im Victoriasee ausgesetzt, die bis dahin nur im Nil heimisch waren. Ohne natürliche Feinde vermehrte sich der gefräßige Raubfisch in seiner neuen Umgebung rasant. Mit der Konsequenz, dass heute von der einstigen Artenvielfalt im zweitgrößten Binnengewässer der Erde so gut wie nichts mehr übrig ist. Da der Barsch aber auch alle Pflanzen fressenden Fische dezimierte, droht dem See in absehbarer Zeit jener Kollaps, den man gemeinhin als "Umkippen" bezeichnet. Ein ökologisches Desaster, das mit einer ökonomisch-sozialen Katastrophe einhergeht, obwohl das Ganze für ein Land wie Tansania lange Zeit wie ein segensreicher Fortschritt aussah. Denn der wohlschmeckende, bald in "Victoria-Barsch" umgetaufte Fisch entwickelte sich zum Exportschlager und ließ an den Ufern unzählige Fabriken entstehen, in denen die Tiere filetiert werden, um von einem eigens eingerichteten Flughafen aus nach Japan und Europa verfrachtet zu werden.

Hubert Saupers Dokumentarfilm beginnt mit den vermeintlichen Gewinnern des Barsch-Booms: Einer ukrainischen Flugzeugbesatzung, die mit ihrer riesigen Iljuschin gerade gelandet ist, einem Angestellten, der im behelfsmäßigen "Tower", eigentlich eher eine Bretterbude, eine Wespe jagt, Fischern, die die riesigen Barsche aus dem See ziehen und Arbeitern, die aus den Tieren handliche Filets machen. Selbst die Prostituierten, die in einem nahen Hotel auf die Piloten der zahllosen Frachtmaschinen warten, scheinen von den Fischen zu profitieren. Das ist gewiss keine Idylle, aber es gibt üblere Verhältnisse in Afrika. Was sollte der Fisch-Export mit dem Elend jener verwaisten Straßenkinder zu tun haben, die nachts dösend in Rinnsteinen kauern? Es gehört zu den herausragenden Qualitäten von "Darwins Alptraum", diesen und andere Gewaltzusammenhänge sinnfällig deutlich zu machen. Und dies mit dezidiert filmischen Mitteln, ohne jeden erklärenden oder anklagenden Off-Kommentar. Irgendwann kommen ganze Siedlungen mit armseligen Baracken am Seeufer ins Bild, in denen jene Männer hausen, die einst als Bauern im Landesinneren lebten, sich aber irgendwann, vom Barsch-Boom angelockt, am See niederließen, um als Fischer oder in der Fabrik zu arbeiten. Den Männern folgten die Prostituierten, vornehmlich alleinstehende Frauen, die für sich und ihre Kinder keine andere Perspektive sahen. Vor dem Hintergrund, dass sich AIDS in solchen Kontexten noch dramatischer ausbreitet als ohnehin in Afrika, und die Arbeiter das HIV-Virus während ihres Urlaubs in ihre Heimatdörfer tragen, ist man sehr schnell bei den verwaisten Straßenkindern.
Doch letztlich ist es nicht einmal das allgegenwärtige Elend, was den mehrfach ausgezeichneten Dokumentarfilm nur schwer erträglich macht. Vielmehr ist es der deprimierende Eindruck einer umfassenden Perspektivlosigkeit, das Gefühl, dass ohnehin längst alles zu spät ist. Auch die Erleichterung, einzelne identifizierbare Verursacher der Katastrophe vorzuführen, denen man (auch als Zuschauer) die Schuld in die Schuhe schieben könnte, verweigert der Film so konsequent wie redlich. Selbst die EU-Kommissare, die auf einer Pressekonferenz zusammen mit einheimischen Beamten den Aufschwung Tansanias durch den Fisch-Export rühmen, erscheinen weniger als zynische Schurken denn als Erfüllungsgehilfen eines Systems, das harmlos "Globalisierung" heißt.

So setzt Hubert Sauter in einer ausgeklügelten Montage Stück für Stück das Mosaik eines alltäglichen Super-GAUs zusammen, wobei die Dramaturgie fraglos etwas von einem Elends-Crescendo hat. Wann immer man glaubt, am Tiefpunkt des Grauens angelangt zu sein, beweist die folgende Sequenz das Gegenteil. Wenn Kinder sich aus den Plastikverpackungen der Fisch-Filets eine Schnüffel-Pampe kochen oder man Menschen sieht, die im Morast die von Maden durchsetzten Fischabfälle zum Trocknen aufhängen, um daraus später Nahrung für den einheimischen Markt zu gewinnen, dann mag man eigentlich gar nicht mehr hinsehen. Der Hinweis, dass zwei Millionen Menschen in Tansania an Hunger leiden, während Tag für Tag 500 Tonnen Barschfilets ausgeflogen werden, nimmt man angesichts solcher Bilder schon fast emotionslos zur Kenntnis. Dabei ergeht sich der Film durchaus nicht in einer Aneinanderreihung von Schreckensbildern, sondern zeigt zwischendurch auch realsatirische oder sogar humorvolle Momente. Wofür neben ein paar dezent ironischen Inserts in erster Linie die Besatzung der Iljuschin zuständig ist, die über mehrere Tage auf das Beladen ihres Fliegers wartet (was erzählerisch so etwas wie den roten Faden bildet) und mit Hammer und Meißel an ihrem High-Tech-Flieger herumbastelt. Doch nachdem ein Crew-Mitglied, das bis dahin alle Fragen hinsichtlich des Frachtguts nach Afrika ("Ich kümmere mich nicht um Politik") zurückgewiesen hat, am Ende wehmütig gesteht, dass der kleine Flughafen am See auch eine zentrale Drehscheibe für den Waffenexport aus ehemaligen Sowjetrepubliken nach Afrika ist, kollabiert auch der bis dahin vergleichsweise unverfängliche Erzählstrang.

Damit nicht genug, macht dieses Kaleidoskop des realexistierenden Grauens deutlich, dass die wahre Katastrophe noch bevorsteht. Denn die wird unausweichlich stattfinden, wenn in zehn oder 20 Jahren auch die letzten Barsche im ökologisch toten Gewässer verenden. Denn momentan - so das angesichts des gegenwärtigen Elends grenzenlos deprimierende Fazit - geht es den Menschen am Victoriasee ja vergleichsweise prächtig.

"Filmdienst" 6/2005


"Der See wird gemolken"

Filmszene
Filmszene

Der Film "Darwins Albtraum" zeigt, wie der Viktoriabarsch aus Ostafrika eine ganze Region veränderte - eine Reportage über einen Fisch als Exportschlager und die Nebenwirkungen der Globalisierung.

von Christoph Link

Stockfinster ist es um sechs Uhr morgens, der Victoriasee liegt glatt wie ein Spiegel, und Kapitän Juvenary Matagili steuert seinen Kutter "Sarafina" auf eine Strandbucht zu, in der ein Lagerfeuer lodert. Dunkle Gestalten laufen rasch davon, als sich die "Sarafina" nähert. "Das sind illegale Fischer, die haben ein 200 Meter langes Netz ausgelegt. Das ist verboten", erklärt Matagili, der beim Tansanischen Fischerverband in Mwanza den Vorsitz hat und rund 53 000 Fischer vertritt. "Wir kennen die, aber machen können wir nichts."

Eine halbe Stunde Fahrt vom Hafen Mwanza entfernt sind Dutzende von Holzkanus unterwegs, ohne Motor, mit vier Mann Besatzung, das ist typisch für das küstennahe Fischgebiet. Die Fischer sind junge Männer mit muskelbepackten Armen, sie kommen nachts gegen zwei oder drei Uhr, werfen ihre Netze aus und markieren sie mit ausgedienten Plastikflaschen als Bojen. Nach ein paar Stunden kehren sie zurück und ziehen den Fang hoch, allen voran den berühmten Nilbarsch, der nur noch Victoriabarsch genannt wird, obwohl er im See gar nicht heimisch ist, sondern erst Ende der fünfziger Jahre unter britischer Kolonialhoheit ausgesetzt wurde.

Für den größten Süßwassersee Afrikas bedeutet der "Lates niloticus" eine ökologische Katastrophe. Er ist ein Raubfisch, der den ursprünglichen Bestand von 400 Fischarten im See drastisch reduzierte. Für Tansania sowie die Seeanrainerstaaten Uganda und Kenia ist der Victoria-barsch von hohem wirtschaftlichen Nutzen - ein Exportschlager und Jobbringer. Allein in der Region Mwanza, so wird geschätzt, leben rund drei Millionen Menschen direkt oder indirekt vom Fischhandel. Die Europäische Union importiert jährlich 40 000 Tonnen Filets vom Victoriabarsch aus Ostafrika, ein Zehntel davon geht nach Deutschland. Nach dem Tourismus und dem Goldbergbau gilt der Fischexport als Tansanias größter Devisenbringer - das Ausfuhrvolumen kletterte im Jahr 2004 auf 192 Millionen Dollar.

Auf dem See wird es hell, Kapitän Matagili steuert eines der Kanus an und grüßt die Fischer. Die wenigsten haben heute einen Fang gemacht. Ein junger Fischer namens Donald hält einen winzigen Victoriabarsch in die Höhe, gut 40 Zentimeter lang. Das war der Fang der Nacht, eigentlich dürfe er den gar nicht in den Handel bringen, die Mindestgröße ist unterschritten. Früher hätte man zwei Tage für zehn Tonnen Fisch gebraucht, heute seien es drei Wochen, sagen die Fischer. "Der See wird gemolken", meint James Njelwa vom "Umweltaktionsteam der Rechtsanwälte" in Mwanza.

Am Vormittag laden die Fischer ihre Fänge aus. Im quirligen Fischerdorf Igombe, 25 Kilometer von Mwanza entfernt, herrscht Hochbetrieb. Das Dorf hatte vor zehn Jahren 100 Einwohner, jetzt sind es 5000. Letztes Jahr hat die Regierung dem reichen Fischerdorf sogar Elektrizität spendiert - ungewöhnlich für ein Dorf in Tansania. Ein Fischer kann auf 300 Dollar im Monat kommen, das ist mehr als das durchschnittliche Jahreseinkommen in Tansania. Auch die 250 000-Einwohner-Stadt Mwanza staubte vor Jahren noch vor sich hin. 1991 gab es nur 4500 Fischer, heute sind es zwölfmal so viele. Zehn Banken haben sich etabliert, eine Coca-Cola-Fabrik hat eröffnet, am kleinen Airport herrscht Hochbetrieb.

"Nicht spucken, kein Kaugummi kauen!" - in großen Wandlosungen wird in der Fabrik "Tanperche", einer von zehn Fischfabriken, daran erinnert, dass man sich in einem Lebensmittelbetrieb befinde. Die Fische werden gebürstet, gewaschen und aufgeschnitten, dann werden die Filets getrimmt und in Kartons verpackt. In Kühlkammern wird der Frischfisch auf null bis zwei Grad herabgekühlt und geht auf die zehn- bis 14-stündige Reise mit von Ukrainern geflogenen Antonov-Flugzeugen nach Brüssel, Amsterdam oder Bratislava. Jede Woche gehen bis zu fünf Maschinen mit jeweils rund 400 Tonnen "Flugfisch" aus Mwanza ab. Wie lange der Boom anhält, weiß niemand zu sagen. "Wir fürchten die wachsende Konkurrenz aus Vietnam und China, dort wird Fisch in Zuchtanlagen für die EU produziert", sagt ein Manager.

Wer will, der kann nur die düsteren Seiten des Fischhandels wahrnehmen, wie der österreichische Filmautor Hubert Sauper, der den Streifen "Darwins Albtraum" in Mwanza drehte. Nach tiefer Armut muss man hier allerdings ein bisschen suchen, etwa auf dem Kirumba-Fischmarkt, wo Mais, Holz und getrocknete Sardinen auf Dhau-Boote verladen werden. Dort sieht man eine alte Frau, die heruntergefallene Sardinen aufliest und in eine Plastiktüte steckt. Oder man fährt hinaus auf die Mülldeponie Niamongor, wo ein riesiges Fischtrocknungsgelände entstanden ist. Auf Holzgestellen trocknen dort die Fischabfälle aus den Fabriken vor sich hin, später werden sie an Mühlen in Kenia weiterverkauft, wo man Hühnerfutter daraus macht. Da es hier stinkt, da Fischgräten und -köpfe millionenfach herumhängen, Marabus an ihnen herumpicken und bei Regen die Maden von den Fischresten in den Schlamm gewaschen werden, könnte man vom ekelhaftesten Arbeitsplatz von Mwanza sprechen. Fliegen summen herum, doch ungerührt spielen mitten zwischen den Fischresten ein Dutzend Arbeiter Billard.

Jedes Jahr sterben 200 Fischer auf dem See, schätzt Fischerfunktionär und Kapitän Matagili. Es gibt keine Rettungsboote, und das einzige Polizeiboot liegt meist fest vertäut im Hafen. Auch er klagt über das Los der Fischer, die von den meist asiatischen Betreibern der Fischfabriken schlechte Preise erhielten, rund einen Dollar pro Kilo, und denen man oft den Zugang zu den Waagen verwehre. Auf die Frage, ob der Handel so unfair sei, dass die europäischen Kunden auf den Victoriabarsch verzichten sollten, schüttelt Matagili aber den Kopf: ?Das würde unsere Probleme nicht lösen.? Er wünsche sich, dass mehr Europäer in Mwanzas Fischindustrie investierten.

Hannoversche Allgemeine Zeitung vom 20.3.2005