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Giles Foden, "Sansibar"

Buchcover

Aufbau-Verlag, Berlin, 2003
432 S., 19,90 EUR

"Terrorismus als Roman"

Der britische Journalist Giles Foden war Ende der 90er Jahre für die Tageszeitung "The Guardian" in Afrika unterwegs. Damals war einer breiten Öffentlichkeit in Europa eine Organisation namens al-Quaida und ein gewisser Osama bin Laden noch kein Begriff.

Das änderte sich 1998 mit den verheerenden Bombenattentaten auf die US-Botschaften in Nairobi und Dar es Salaam. Die Botschaft war unmissverständlich: Die USA waren verletzbar. Und: Sie waren nicht in der Lage und würden es nie sein, ihre Einrichtungen und ihre Staatsbürger zu schützen.

Giles Foden recherchierte in Tansania nach den Urhebern der Attentate und stieß auf die beschauliche Insel Sansibar vor der Küste des ostafrikanischen Staates, ein weitgehend ungefährliches Urlauberparadies, der als Stützpunkt von Osama bin Ladens Terrorkommandos diente. Foden verarbeitete seine Recherchen allerdings nicht in einer Reportage, sondern in einem Roman.

Foden streicht die komplexe Wirklichkeit auf vier Protagonisten zusammen, auf Nick Karolides, einen jungen Meeresbiologen aus Florida, der für ein Umweltschutzprojekt auf Sansibar tätig ist, auf Miranda Powers, eine Sicherheitsangestellte im diplomatischen Dienst, die ihre erste Stelle in der US-Botschaft in Dar-es-Salaam antritt, auf Jack Queller, einen altgedienten CIA-Mann und Orient-Spezialisten, und schließlich auf Khaled, einen Jugendlichen aus Sansibar, dessen Eltern ermordet wurden und der sich von al-Quaida-Schergen anwerben lässt.

Es kommt, wie es kommen musste: Giles Foden hat rund um diese vier Protagonisten eine Romanhandlung in Gang gebracht, die spannend, unterhaltend und faktenreich zugleich sein soll. Und der erzählerische Motor springt durchaus an:

Wie der etwas blauäugige Nick Karolides unverhofft Zeuge der Attentatsvorbereitungen wird und dadurch in des Teufels Küche gerät, ist eine spannende Geschichte, wie Jack Queller den Mann ausfindig machen soll, den er im Auftrag der CIA vor vielen Jahren selbst ausgebildet hat, nämlich Osama bin Laden, ist von fesselnder Tragikomik.

Auch sonst sind die Fäden des Romans gut zurechtgelegt, um sich an den richtigen Stellen ineinander zu verschlingen - und doch ist Giles Fodens Roman am Ende eine manchmal rasante, manchmal mit tropischen Sonnenuntergängen verklebte Agentengeschichte. John Le Carré lässt grüßen.

Überzeugend wird der Roman immer dann, wenn er in die Tiefenstruktur der äußeren Wirklichkeit eindringt: wenn von den unsichtbaren Gegnern die Rede ist, vom Terror der Ungewissheit, wenn von der Verführbarkeit durch Ideologie erzählt wird, oder von der aussichtslosen Arbeit eines Agenten, zugleich das Böse in die Welt zu setzen und es zu bekämpfen.

Vielleicht ist uns der islamistische Terror zu nahe, um in einem fiktiven Werk überzeugen zu können. Bei Giles Foden bleibt er Kulisse, wie seinerzeit die Sowjetunion in den frühen James-Bond-Filmen.

In den 60er Jahren, als die Bedrohung aus dem Osten sehr konkret war, gerann diese Bedrohung zum monströsen Witz, sobald sie die Folie für eine Agentengeschichte abzugeben hatte. "Sansibar" haftet etwas von diesem James-Bond-Effekt an.

Aus: www.egotrip.de


"Terrorismus-Thriller mit kritischen Tendenzen"

Von Peter Zimmermann (ORF)

Im August 1998 explodierten im tansanischen Daressalam und in Nairobi, Kenia, zeitgleich zwei Bomben jeweils vor der US-Botschaft. Der damals der Öffentlichkeit noch relativ unbekannte Usama Bin Laden wurde bald als Drahtzieher der Anschläge identifiziert. Drei Jahre vor dem "GAU" vom 11. September 2001 galten diese Anschläge noch als schlimmste vorstellbare Katastrophen, sie bereiteten die Ereignisse des schrecklichen September sozusagen vor.

Giles Foden, englischer Schriftsteller und Kenner der islamischen Religion sowie des einschlägigen Fanatismus´, hat die Attentate vom August 1998 als Vorlage für seinen Roman gewählt, der die Ereignisse aus der Sicht von Opfern und Tätern gleichermaßen schildert.

Nick Karolides, Anfang dreißig, arbeitet auf Sansibar für ein biologisches Schutzprogramm für bedrohte Arten, wie z.B. die Schildkröten. Er ist aus einem langweiligen, wenn auch abgesicherten Beruf in den USA hierher "geflohen", weil er das Bedürfnis hatte, noch einmal etwas Bedeutendes zu tun. Miranda Powers, junge Absolventin einer US-Diplomatenschule, tritt gleichzeitig ihren ersten Job als Sicherheitsverantwortliche in der US-Botschaft in Daressalam an. Beiden geht es gut, die Zukunft liegt aussichtsreich vor ihnen, es könnte kaum besser sein. Ein ehemaliger Geheimagent, Witwer und als Folge  seiner gefährlichen Einsätze schwer behindert, komplettiert als Regierungsberater die amerikanische Seite.

Parallel zu dieser Einleitung aus der Sicht der amerikanischen Beteiligten lernt der Leser die andere Seite kennen. Ein junger Afrikaner aus Sansibar, dessen Eltern angeblich brutal von den Amerikanern umgebracht worden sind, schwört Rache, von seinem fanatischen Onkel beraten und gesteuert. Wir sehen ihn während seiner Ausbildung in Afghanistan - das ging damals noch -, erleben ein Treffen mit dem "Scheich" Usama Bin Laden und lernen die Denkungs- und Lebensart der angehenden Terroristen kennen.

Langsam zieht sich das Netz zu. Usama Bin Laden plant offensichtlich einen Anschlag, bei dem der junge Afrikaner eine Rolle spielen soll, von der er selbst keine Ahnung hat. Derweil lernen sich Nick und Miranda zufällig kennen und spüren erste Sympathie für einander. Die Geschichte treibt zielsicher auf ihren Höhepunkt zu, die gleichzeitigen Explosionen in Daressalam und Nairobi. Die mittlerweile zum Liebespaar avancierten Miranda und Nick verlieren sich, werden in den Strudel des Terrorismus gerissen und finden sich wieder. Der Anschlag wird im Roman zwar nicht aufgeklärt, die Hintermänner, d.h. Bin Laden, jedoch identifiziert.

Foden geht es weniger um eine spektakuläre Handlung mit atemberaubender Spannung als um die Schilderung der Hintergründe. Schon die dokumentarische Anlage des Romans hält die Spannung im Rahmen, weil der kundige Leser die Entwicklung sowieso kennt.

Foden lässt einerseits die islamische Religion und ihre zutiefst menschliche Seite zu Wort kommen, andererseits deren gezielte Verzerrung durch die Köpfe des Terrorismus, um unter dem Deckmantel der Religion fanatische Krieger zu züchten. Auf der anderen Seite schildert er sowohl die Naivität und Gutgläubigkeit  des durchschnittlichen Amerikaners als auch die perfide Desinformation und gezielte Strategie der US-Geheimdienste und ihrer Regierung, denen es in erster Linie um die hegemoniale Stellung der USA und um wirtschaftliche Interessen - Öl - geht. Der ehemalige Geheimagent steht für den Skeptizismus des erfahrenen Experten, der jedoch als politisch unsicherer Kandidat zum alten Eisen geworfen wird, der junge Afrikaner auf der anderen Seite löst sich aus seinem Fanatismus, den er noch rechtzeitig als solchen erkennt.

Fodens Buch stellt sicher keine intellektuelle Aufarbeitung des Terrorismusproblems dar, dafür trägt der Roman doch zu viele Merkmale des "Thrillers" - "sex & crime". Er zeichnet sich jedoch gegenüber den typischen Vertreter seines Genres durch eine eher kritische und lebensnahe Kennzeichnung der Charaktere aus. Hier kämpft nicht "Gut" (USA) gegen "Böse" (Rest der Welt) sondern hier stehen Menschen mit ganz normalen Zielen und Wünschen plötzlich im Auge eines politischen Hurrikans, der sie zwar überleben aber auch leiden lässt. Doch am Ende reifen sie daran auch. Am Schluss verzichtet Foden sogar auf das übliche "Happy End" und lässt die menschlichen Beziehungen in der Schwebe.


"Voller Aktualität, im Stile eines spannenden Polit-Thrillers mit viel Einfühlungsfähigkeit und sprachlichem Vermögen"

Von Klaus Ladwig (NDR)

Drei Jahre vor dem 11. September explodieren Sprengsätze vor den amerikanischen Botschaften in Kenia und Tansania. Zahlreiche Menschen kommen in Nairobi und Daressalam um Leben - Einheimische und Amerikaner. Kaum jemand kennt den Mann, der wenig später als Drahtzieher der Anschläge genannt wird: Osama bin Laden. Soweit der reale Rahmen.

Der Leser verfolgt die Geschichte dieser Terroranschläge aus den Blickwinkeln der Romanfiguren und das heißt, aus der Sicht der Täter und der Opfer. Da ist Nick Karolides, ein junger Meeresbiologe aus den USA. Er arbeitet für einen amerikanischen Entwicklungshilfedienst auf der Insel Sansibar. In paradiesischem Ambiente widmet er sich dem Erhalt von absterbenden Korallenriffen und aussterbenden Meeresschildkröten.

Miranda Powers ist Sicherheitsbeauftragte an der US-Botschaft in Tansania. Zwischen ihr und Nick kommt es zu einer Liebesaffäre. Jack Queller, der ehemaliger US-Geheimdienstagent, hat jahrelang als Verbindungsmann zwischen seiner Regierung und den islamistischen Gruppen in Afghanistan gedient. Unterstützt wurde jeder, so lange er gegen die sowjetische Besatzungsmacht kämpfte.

Die Arbeit im Zwiespalt von Weltmachtinteressen und Moral haben Queller desillusioniert. "Wie selten die Gerechtigkeit bei ihrem Gang durch die Korridore der Geschichte doch die Verbrecher einholte, die sie doch eigentlich ihrer Bestrafung zuführen sollte. Kein Wunder, dass man in so vielen islamischen Ländern das Gefühl hatte, vom Westen geschändet worden zu sein, kein Wunder, dass der helle Wahnsinn zerrte am sorgsam gewebten Netz der Diplomatie."

Auf der Seite der Täter stehen Zayn aus Beirut und Chaled aus Sansibar im Vordergrund. Beide vereint der Hass auf die USA. Denn beide haben ihre Familien verloren und machen dafür amerikanischen Bomben und amerikanische Weltmachtinteressen verantwortlich. In dieser Welt des Hasses hat Lebensfreude keinen Platz mehr. "Es war nicht seine Art, solche Eindrücke zu genießen. Er war nicht bereit, ihnen symbolischen Wert zuzuschreiben, und genau deswegen war er ein so großartiger Killer, denn menschliche Eindrücke sah er genauso. Manchmal spielte ihm die Schönheit jedoch einen Streich und entwaffnete ihn. Hinterher hasste er um so grimmiger, weil er den Verlust seines Hasses riskiert hatte."

Neben dieser Seite des fanatischen, des terroristischen Islam läßt uns der Autor die menschliche, die nicht-aggressive Seite dieser Religion erkennen. Schwarz-weiß-Malerei ist nicht seine Sache; sicherlich einer der Gründe für die Faszination des Buches. Foden lässt den Ex-Agenten Queller sagen: "Vergessen Sie nicht, dass es in Mohammeds Haus viele Wohnungen gibt... Nicht jeder Fundamentalist ist per se ein Terrorist. Umgekehrt gibt es Elemente des Fundamentalismus, denen man eine gewisse Bewunderung kaum versagen kann. Reinheit des Denkens, Zielstrebigkeit, die patriarchalische Striktheit des Islam, in dem man einem Schilfrohr im Sturm gleicht, wenn man den Großen Vater, den Beschützer, den Versorger nicht fürchtet – all diese Dinge sind ebenso verlockend wie gefährlich."

Vieles bleibt offen am Ende dieses Romans. Was wird aus Chaled, dem Attentäter, der sich von El Qaida abwendet und zum Gejagden der eigenen Glaubensbrüder wie der US-Terrorfahnder wird? Gehen Nick und Miranda in eine gemeinsame Zukunft? Der Leser erfährt es nicht. Nur eines steht fest: Ex-Geheimdienstagent Queller, der offene und tolerante Arabistik- und Terrorismus Experte - er wählt den Freitod und erschießt sich. Wer tritt an seine Stelle? Sind es die militanten Betonköpfe auf beiden Seiten? Der Leser darf darüber nachdenken.

"Sansibar" ist die literarische Auseinandersetzung mit dem Kampf fundamentalistischer Gotteskrieger auf der einen und dem westlichen Kulturkreis auf der anderen Seite. Es geht um Menschen, um Schicksale, um Liebe und Hass. Hier sind Menschen das Ergebnis ihrer Biografien, immer aber mit der Möglichkeit zur freien Entscheidung in die eine oder andere Richtung. Und das heißt auch mit der Pflicht, Verantwortung zu übernehmen. Ein Thema voller Aktualität, dass Foden im Stile eines spannenden Polit-Thrillers mit viel Einfühlungsfähigkeit und sprachlichem Vermögen gestaltet hat.