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Bartholomäus Grill, "Ach, Afrika - Berichte aus dem Inneren eines Kontinents"

Buchcover

Verlag Siedler, Berlin, 4. Auflage 2004
384 S., 24 EUR

Zeit-Korrespondent Bartholomäus Gril lebt seit zehn Jahren in Südafrika und hat jetzt ein Buch veröffentlicht, das einen verblüffend kurzen, aber zugleich sehr vielsagenden Titel hat: "Ach, Afrika".

"Ich hab' versucht, einen Titel zu finden, der die Ambivalenz widerspiegelt. Das ambivalente Verhältnis, das ich zu diesem Kontinent hab'", so der Autor.

Und bei dieser Suche ist am Ende ein schlichtes "Ach!" herausgekommen. Die Erklärung ist einfach: "Man hat einen guten Freund, und der macht manchmal Unsinn, und man sagt: "Ach!", erklärt Grill

Große Wertschätzung und schiere Verzweiflung also dicht beieinander. "Ach, Afrika - Berichte aus dem Inneren eines Kontinents": das Buch ist spannend, weil sein Autor afrikanische Geschichte und Gegenwart sehr plastisch erzählt. Grill ist mittendrin in seinen Schilderungen und kann sich doch distanzieren; er ist Reporter und Analytiker zugleich. Seine Kenntnisse sind immens, seine Urteile sicher. Und: man spürt seine große Liebe zu Afrika!

Aber die hindert ihn glücklicherweise nicht, Wahrheiten anzusprechen und die Ursachen für die Misere des Kontinents auch bei den Afrikanern selbst zu suchen. Kenner der Szene werden zwar nichts in diesem Buch entdecken, was grundsätzlich neu und überraschend wäre. Aufschlussreich ist aber die Interpretation mancher Fakten. Etwa die der Folgen von Kolonialismus und Sklavenhandel.

50 Millionen Menschen wurden dabei geraubt oder kamen ums Leben. Das, so Grill, verkrafte kein Kontinent" aber das sei nur die äußere Folge. Viel schlimmer seien die mentalen Schäden: "Denn durch den Sklavenhandel und durch den Kolonialismus wurden die Afrikaner weltweit als Knechte, als Domestiken, als Lakaien, als Kulis betrachtet. Und dieses Knechtsmal" und das ist genau das Tragische " haben die Afrikaner verinnerlicht", so Grill.

Ein Trauma, das auch heute noch tief sitzt. Vertieft durch eine weitere, bittere Erfahrung. Denn vor fünfzig Jahren, als die weißen Kolonisatoren abzogen, kamen neue politische Führer, die nicht besser waren. Der einzige Unterschied: sie waren schwarz! Sie haben "den Staat und alles, was dazu gehört, als (ihr) Privateigentum" betrachtet und die "Politik in eine Kunst des Stehlens verwandelt". Problematisch war, dass das Staatsgebilde, das ihnen die weißen Herren hinterlassen hatten, keine Zukunft bot.

"Das war ein Obrigkeitsstaat aus dem 19. Jahrhundert, der dazu diente, die Kolonien auszubeuten und eine europäische Verwaltungsstruktur zu setzen, die natürlich vollkommen untauglich war, um die aufbrechenden Staaten zu entwickeln. Es war eine ganz fatale Erblast. Und tragischerweise ist auch in Afrika der Prozeß zu verfolgen gewesen, dass eben die Macht korrumpiert und die absolute Macht absolut korrumpiert. Da macht Afrika keine Ausnahme", sagt der Autor.

Allen Despoten, allen Katastrophen, allen Rückschlägen zum Trotz haben sich die Afrikaner, so Bartholomäus Grill, bewundernswerte Eigenschaften bewahrt: Eine "entwaffnende Heiterkeit und Zuversicht, den Erfindungs-reichtum der Armut, die Kräfte, die aus der Verzweiflung geboren werden, dieses große, unerschütterliche Trotzdem".

"Das, was ich an Afrika am allermeisten schätze, ist die Menschlichkeit. Thomas Mann hat ja mal gesagt, das Hauptingredienz aller Reiselust sei die Suche nach nie entdeckter Menschlichkeit. Und von dieser Menschlichkeit habe ich in Afrika sehr, sehr viel gefunden", erzählt Bartholomäus Grill.

Doch das Dilemma ist: die Zeiten haben sich geändert. "All diese Eigenschaften sind natürlich in einer globalisierten Ökonomie nicht gefragt. Man braucht eben andere Eigenschaften, um im globalen Wettbewerb zu bestehen", so Grill.

Afrikanische Leser werden mit dem Buch große Schwierigkeiten haben. Sie müssen in einen Spiegel schauen, der an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt. Und ein Happy End gibt es leider auch nicht. Aber genau das macht die Qualität des Buches aus: die sehr, sehr kritische - Solidarität mit Afrika.

NDR-Info 2004