Interview mit Bartholomäus Grill („Die Zeit“): "Tansania sollte seine Möglichkeiten, seinen guten Ruf mehr nutzen"
Herr Grill, vor einigen Wochen gab es in Südafrika Übergriffe gegen Afrikaner aus den Nachbarländern. Welche Auswirkungen hat dies auf die politische Situation im Süden Afrikas?
Die Vorfälle haben ernsthafte Auswirkungen, vor allem in den Nachbarländern, in denen es ein gewisses Misstrauen gegenüber Südafrika gibt. Böse Stimmen sprechen sogar vom "Neokolonialismus aus dem Süden". Südafrika erobert mit einer aggressiven Wirtschaftsstrategie den Kontinent, ich denke da zum Beispiel an die Verteilungsschlachten in den Sektoren Telekommunikation, Konsumgüter, Brauereiwesen. Es gibt auch ein politisches Vormachtstreben Südafrikas. Auch Bürger aus Tansania waren von den Übergriffen betroffen.
Tansania hat sich in der Zeit der Apartheid als Frontstaat definiert, dort befanden sich wichtige Basen des ANC. Das Land gehörte zum Netzwerk des Widerstands. Zwar sind von den brutalen Treibjagden der vergangenen Wochen nicht viele Tansanier betroffen, die Leidtragenden kommen vor allem aus Simbabwe. Aber die Gewaltexzesse strafen die Vision von der panafrikanischen Solidarität Lügen, und sie schädigen das Ansehen Südafrikas, das als Führungsmacht des Kontinents auftritt und einen Sitz im erweiterten Sicherheitsrat der Vereinten Nationen anstrebt.
Der tansanische Staatspräsident Jakaya Kikwete ist amtierender Präsident der Afrikanischen Union (AU) und auf den Komoren sind unlängst AU-Truppen mit Tansania an der Spitze einmarschiert.
Hier handelt es sich um einen Nebenschauplatz, der für die Regionalmächte Afrikas nicht so entscheidend ist. Ich meine, Tansania sollte seine Möglichkeiten, seinen guten Ruf, mehr nutzen. Es ist ein mittelgroßes Land in Afrika und wenig vorbelastet, das gibt der Regierung einen gewissen Spielraum. Allerdings beißt jeder afrikanische Staat, der gegen die Interessen der großen Länder wie Nigeria oder Südafrika handelt, auf Granit. Das klassische Machtviereck verläuft zwischen Ägypten, Kenia, Nigeria und Südafrika.
"Kikwete vertritt die Interessen Afrikas sehr geschickt"
Was halten Sie vom tansanischen Staatspräsidenten Kikwete? Kennen Sie ihn persönlich?
Nein, leider nicht. Ich habe ihn nur einmal kurz nach dem Parteitag der CCM 2007 gesehen. Er wirkt wie ein "Big man", um den inzwischen auch eine Art Personenkult betrieben wird. Kikwete ist sicher ein kluger Diplomat, der sich als Nachfolger von Julius Nyerere darstellt, als Politiker mit strategischem Denken. Aber ich habe da ein paar ungute Erinnerungen an afrikanische Führergestalten, die einmal vielversprechend anfingen. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass Kikwete die Interessen Afrikas sehr geschickt vertritt und die Chancen nutzt, die sich aus den neuen Rohstoff-Begehrlichkeiten Chinas, Europas und Amerikas ergeben.
Wie bewerten Sie die Offensive Chinas auf dem afrikanischen Kontinent? Welche Auswirkungen könnte dies auf die weitere Entwicklung Afrikas haben?
Das Auftreten Chinas birgt sowohl Chancen als auch Gefahren. Die politischen Eliten Afrikas begrüßen die Wirtschaftsoffensive der Chinesen, weil sie durch den weltweiten Rohstoffboom, es geht vor allem um Öl, glänzende Gewinne machen. Die einfache Bevölkerung oder Gewerkschafter schlagen oft ganz andere Töne an: China schaffe keine Arbeitsplätze, sondern schicke im Gegenteil ein Heer von chinesischen Leiharbeitern nach Afrika.
Die aufsteigende Weltwirtschaftsmacht China hat einen schier unersättlichen Rohstoffhunger, Peking geht es um Ressourcensicherung, aber auch um den afrikanischen Absatzmarkt mit 800 Millionen Menschen. China leistet auch Entwicklungshilfe, es hat angeblich bereits 10.000 Ärzte und Krankenschwestern nach Afrika entsandt. Ingesamt sollen schon eine Million Chinesen in Afrika ansässig sein, vor allem Kontraktarbeiter und Kleinhändler. China in Afrika - das trägt durchaus Züge einer neokolonialen Eroberung.
Andererseits pflegt China einen anderen Umgangston mit Afrika als Europa oder Amerika. Peking spricht von der "Süd-Süd-Solidarität", in der alte Partnerschaften wie die zwischen Mao und Nyerere ideologisch aufgewärmt werden - das gehört zur chinesischen Eroberungsstrategie. Die USA und Europa haben aber inzwischen gemerkt, dass ihnen allmählich die Felle davonschwimmen. Schließlich sind auch sie an den Rohstoffgebieten in Angola, Sambia oder im Kongo interessiert.
„Die Europäer und ihre alten Konzepte werden in Afrika zunehmend abgelehnt“
Angesichts der immensen Geldflüsse aus China: Welche Perspektive hat da die klassische europäische Entwicklungshilfe?
Die Europäer und ihre alten Rezepte werden in Afrika zunehmend abgelehnt. Der "Big Push" der Chinesen ist für die herrschenden Eliten viel attraktiver als nachhaltige Entwicklung im Bildungs-, Gesundheits- oder Landwirtschaftssektor. Leider fließt immer mehr europäische Entwicklungshilfe unmittelbar in die nationalen Budgets der einzelnen Länder. Das ist einfacher, da braucht man sich nicht mehr mit schwierigen Kleinprojekten herumschlagen. Von der Budgethilfe profitieren meist die korrupten Eliten.
Was sollte man also tun?
Wir haben zu lange die landwirtschaftliche Entwicklung vernachlässigt. Afrika könnte sich heute selbst ernähren. Wir dürfen nicht vergessen, dass 90 % der Afrikaner Susistenzbauern sind, also Kleinbauern, die von den eigenen Erträgen leben. Wir müssen helfen, dass sich in Afrika die ländlichen Märkte und die Infrastruktur entwickeln. Dabei sollten bestimmte Standards strenger beachtet werden, die Einhaltung der Menschenrechte zum Beispiel, oder die Transparenz bei der Verwendung der Mittel.
Rupert Neudeck hat vorgeschlagen, dass nur noch zwei bis drei ausgewählte Länder, zu denen dann auch Tansania gehören sollte, gefördert werden.
Sicherlich ist das Gießkannenprinzip gescheitert, da kann ich Neudeck nur zustimmen. Ich fände es aber falsch, die Hilfe auf zwei oder drei Länder zu begrenzen. Wenn ich wir uns zum Beispiel die gute Arbeit der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tansania ansehen, können wir feststellen, was viele kleine Projekt auf der lokalen Ebene bewirken können. Das gilt für viele Partnerländer. Aber aus grausamen Diktaturen sollten wir uns tatsächlich vollkommen zurückziehen.
„Es ist erfreulich, dass die Schließung des Goethe-Instituts revidiert worden ist“
Wie beurteilen Sie die bevorstehende Gründung des Goethe-Instituts in Dar es Salaam?
Es ist erfreulich, dass nach etlichen Jahren die katastrophale Fehlentscheidung der Schließung des Instituts revidiert worden ist. Damals hatte man gerade mal 250.000 DM Jahresbudget eingespart. Aber man hat das wichtigste Kulturzentrum des Landes zerstört, es hatte seinen Standort im Herzen der Stadt, gleich neben dem Askari-Denkmal - eine derartig günstige Lage wird man jetzt nicht wieder finden. Aber noch einmal: Ich begrüße die Erkenntnis des Auswärtigen Amtes, das die Schließung falsch war, sehr.
Das Interview führte Rudolf Blauth
Zur Person:
Bartholomäus Grill ist Afrika-Korrespondet der „Zeit“ und gehört zum Afrika-Beraterkreis des Bundespräsidenten. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, u.a. mit dem Henri-Nannen-Preis 2006, dem Wolfgang-Koeppen-Preis 2006 oder dem Journalistenpreis Entwicklungspolitik 2006. Veröffentlichungen: „Ach, Afrika – Berichte aus dem Inneren eines Kontinents“ (2004), „Gott, Aids, Afrika“ - eine Streitschrift mit einem Vorwort von Henning Mankell (2007).



