"Ich möchte, dass das Goethe-Institut in Dar es Salaam wieder zu einer Anlaufstelle wird"

- Ulrike Schwerdtfeger
Interview mit Ulrike Schwerdtfeger, Leiterin des Goethe-Instituts in Dar es Salaam
Frage: Herzlichen Glückwunsch zur neuen Stelle in Dar es Salaam! Wie kam es zu der überraschenden Entscheidung des Goethe-Instituts, wieder vor Ort in Tansania präsent zu sein?
Schwerdtfeger: Die Entscheidung war sicherlich für die Öffentlichkeit überraschend, nicht aber für das Goethe-Institut. Nach Jahren der finanziellen Engpässe zeichnete sich ab, dass ab dem Haushaltsjahr 2008 wieder verstärkt Mittel für Afrika zur Verfügung gestellt werden. Nach China und Indien befindet sich auch Afrika im Focus der Bemühungen, nicht nur um eine politische und wirtschaftliche sondern auch um eine kulturelle Partnerschaft. Dabei stand die Planung der Wiedereröffnung eines Goethe-Instituts in Tansania, zehn Jahre nach der Schließung, unstrittig an erster Stelle.
Frage: Wie kam es zu diesem Sinneswandel?
Schwerdtfeger: Die geplante Eröffnung unseres Instituts in Tansania ist ein Glied in einer Kette, die ihren Ausgang im G8-Gipfel in Heiligendamm genommen hat. Es liegt auf der Linie von Außenminister Steinmeier, dass Kultur in der Entwicklungszusammenarbeit mit den afrikanischen Staaten wieder eine größere Rolle einnehmen soll.
Frage: Sind weitere Aktivitäten des Goethe-Instituts in Schwarzafrika geplant?
Schwerdtfeger: Es gibt Planungen, das Netzwerk des Goethe-Instituts auszuweiten. In der zweiten Dezemberwoche fand die Jahrespressekonferenz des Goethe-Instituts in Berlin statt, auf der die zukünftige Arbeit vorgestellt wurde.
Frage: Die Präsidentin des Goethe-Instituts, Jutta Limbach, hatte im Oktober nicht die „Eröffnung eines Goethe-Instituts“, sondern die „Eröffnung einer Verbindungsstelle des Goethe-Instituts“ in Tansania angekündigt. Dadurch entstand in der deutschen Tansania-Szene der Eindruck, dass es sich womöglich gar nicht um ein vollwertiges Institut handelt. Können Sie das aufklären?
Schwerdtfeger: Die Formulierung von Frau Prof. Limbach war der Tatsache geschuldet, dass das Parlament erst spät im November über unsere Vorhaben zu entscheiden hatte. Daher ging es tatsächlich in der ersten Phase erst einmal darum, vor Ort in Tansania durch ein Büro in Dar präsent zu sein. Denn über die Eröffnung eines Goethe-Instituts entscheiden wir nicht alleine, da hat vor allem das Auswärtige Amt mitzureden.
Frage: Sie arbeiten also zur Zeit noch in der Deutschen Botschaft mit dem Auftrag, im kommenden Jahr in der Alliance Francaise ein Büro des Goethe-Instituts zu eröffnen, das dann wiederum die Eröffnung eines eigenständigen Instituts in Dar es Salaam zur Folge hat?
Schwerdtfeger: So sieht zumindest die Planung aus. Die offizielle Bestätigung der Wiedereröffnung steht aber noch aus.
Frage: War meine Einschätzung in einem Kommentar unserer Vereinszeitschrift „Karibu“ richtig, wonach die enge Kooperation mit dem französischen Kulturinstitut eine starke Zusammenarbeit der EU-Kulturinstitute ausdrücken soll?
Schwerdtfeger: Natürlich bot sich diese Zusammenarbeit vor Ort an, schon aus rein pragmatischen Gründen. In der Tat geht es dem Goethe-Institut neben den bilateralen Kulturbeziehungen mit Tansania auch um die Präsentation eines „europäischen Gesichts“. Daher liegt eine enge Kooperation nahe.
"Wir streben ein vollkommen eigenständiges Goethe-Institut an"
Frage: Also ein EU-Modellprojekt in Tansania?
Schwerdtfeger: Nein, es handelt sich nicht um ein Modellprojekt. In Ramallah oder Glasgow beispielsweise existieren bereits europäische Häuser. Die Unterbringung in der Alliance Francaise ist nur vorübergehend. Wir streben ein vollkommen eigenständiges Goethe-Institut an.
Frage: Das bedeutet, dass es sich um ein vollwertiges Goethe-Institut handeln wird mit Sprachkursen und Kulturveranstaltungen, als Anlaufstelle für Tansanier und auch mit einer entsprechenden finanziellen Ausstattung?
Schwerdtfeger: Wir planen in der Tat, alle drei Hauptfelder zu bespielen: die Förderung der deutschen Sprache im Ausland, die Pflege der internationalen kulturellen Zusammenarbeit und die Vermittlung eines Deutschlandbildes durch Informationen über das gesellschaftliche, kulturelle und politische Leben.
Frage: Wie reagierten die Tansanier auf diese Nachricht?
Schwerdtfeger: Ich erlebe eine sehr große Begeisterung. Das Goethe-Institut genießt selbst zehn Jahre nach der Auflösung immer noch ein unbeschreiblich hohes Ansehen und es existieren sehr große Erwartungen.
Frage: Sie sind also optimistisch, dass die bisher abgesicherte Finanzierung nach drei Jahren verlängert wird?
Schwerdtfeger: Ich bin von Natur aus optimistisch und sicher, dass die Schwerpunktsetzung auf Afrika nicht temporär sein wird. Man plant nicht die Eröffnung eines Instituts, um es drei Jahre später wieder zu schließen.
"Die Zeiten der Einbahnstraße sind lange vorbei"
Frage: Früher sollten die Goethe-Institute hauptsächlich die deutsche Kultur im Ausland präsentieren. Steht das immer noch im Vordergrund oder geht es inzwischen vorrangig auch um den deutsch-tansanischen Kultur- und Künstleraustausch bzw. um die Förderung der einheimischen Kulturszene?
Schwerdtfeger: Die Zeiten der Einbahnstraße sind lange vorbei zugunsten einer „Zweibahnstraße“. Außerdem geht es uns aber auch um den innerafrikanischen Austausch.
Frage: Können Sie schon sagen, welche inhaltlichen Schwerpunkte Sie setzen wollen?
Schwerdtfeger: Dafür ist es noch zu früh. Das Goethe-Institut im Ausland widmet sich einer Vielzahl von gesellschaftlichen Themen, von Kunstgenres und -formen. Vielleicht führen wir in einigen Monaten ein zweites Interview und dann kann ich Ihnen zu diesem Thema mehr sagen.
Frage: Welchen Stellenwert hat für Sie die Zusammenarbeit mit Nichtregierungsorganisationen, die im Bereich Kultur und Bildung aktiv sind?
Schwerdtfeger: Eine Zusammenarbeit im Bereich Sprache und Kultur würde ich natürlich begrüßen. Gegenwärtig geht es für mich vor allem noch darum, die Rahmenbedingungen und Strukturen vor Ort kennen zu lernen.
"Ich bin von Land und Leuten mit offenen Armen empfangen worden"
Frage: Was können Sie uns über Ihre Person mitteilen?
Schwerdtfeger: Ich stamme aus Lörrach, einer Kleinstadt im Dreiländereck an der Schweizer Grenze. Studiert habe ich in Freiburg, Hamburg und Ludwigsburg, zunächst Informations- und Medienmanagement dann Kulturwissenschaften. Danach war ich fünf Jahre lang in der Zentrale in München in der Abteilung Kultur und Information in den unterschiedlichsten Bereichen tätig und habe am internen Ausbildungsprogramm für den Führungsnachwuchs teilgenommen. Auslandserfahrung in der kulturellen Praxis und der Spracharbeit konnte ich im Institut in New Delhi sammeln.
Frage: Wie ist Ihr erster Eindruck von Tansania?
Schwerdtfeger: Ich freue mich wahnsinnig, hier zu sein. Ich bin von Land und Leuten mit offenen Armen empfangen worden und sehe meine Arbeit als eine großartige und herausragende Herausforderung an. Ich möchte, dass das Goethe-Institut in Dar es Salaam wieder zu einer Anlaufstelle wird. Das geht nicht von heute auf morgen. Aber wie bereits gesagt: Ich bin sehr optimistisch!
Frau Schwerdtfeger, herzlichen Dank für das Interview!
(Das Interview führte Rudolf Blauth im Dezember 2007)


