Sabine Heilig, Christina Gottschall, "Sansibar"
Unterwegsverlag, Öhningen, 2007
239 S., 14,90 EUR
Nachdem der Sansibar-Reiseführer der Verlages Reise Know How aus dem Jahre 2001 nicht mehr neu aufgelegt worden ist, war die Herausgabe eines aktuellen Sansibar-Reiseführers eigentlich überfällig. Das neue Reise-Handbuch "Sansibar" deckt also eine Marktlücke ab. Leider tut er dies nicht zufriedenstellend.
Absolut positiv sind Format, Umfang und die liebevolle grafische Gestaltung des Buches. Die Fotos wurden sorgsam ausgewählt, die historischen Aufnahmen sind sehr eindrucksvoll und der aufklappbare Stadtplan auf der Cover-Rückseite eine gute Idee und sehr hilfreich.
Auch das Gesamtkonzept einer Mischung aus harten Fakten, Hintergrundinfos, kurzen Geschichten und bunten Stories überzeugt. Die Farbgestaltung trägt dazu bei, dass das gesamte Buch für den Leser sehr übersichtlich ist.
Leider nutzt das alles gar nichts, wenn der Inhalt des Buches an vielen Stellen ungenau, oberflächlich oder sogar falsch ist. Offensichtlich ist der Reiseführer weder von einem Historiker noch von wirklichen Sansibar-Kennern oder Tropenärzten Korrektur gelesen worden.
Es ist beispielsweise noch harmlos, wenn im Abschnitt "Historisches" behauptet wird, dass "die fantastischen Geschichten von '1001 Nacht' hier spielten, denn regelmäßig ging Sindbad der Seefahrer in Sansibar vor Anker". Bekanntlich handelt es sich bei "1001 Nacht" um eine Sammlung morgenländischer Erzählungen.
Ebenso war Sansibar nie "deutsches Protektorat" und selbst der glühendste Verfechter der Ujamaa-Politik von Julius Nyerere wird diese nicht ausschließlich so positiv darstellen, wie es die Buchautorinnen tun. Dafür wird die Regierungspartei CCM durchgängig als "Staatspartei" bezeichnet - so als gäbe es noch immer das alte Einparteiensystem. Außerdem wird suggeriert, dass auch die letzten Parlamentswahlen auf Sansibar Wahlbetrug gewesen seien - was außer der Oppositionspartei CUF kein einziger internationaler Wahlbeobachter bestätigen konnte.
Und so geht es dann in den anderen Kapiteln munter weiter: Der Colobus-Affe auf Sansibar wird als "endemisch" bezeichnet (es gibt ihn hingegen auch noch in vielen anderen Landesteilen Tansanias), der bereits 2005 abgelöste Benjamin Mkapa ist auch weiterhin "Staatspräsident", die tansanische Botschaft in Berlin befindet sich mehrfach (aber merkwürdigerweise nicht durchgängig) immer noch in Bonn, mit HIV infiziert oder an AIDS erkrankt seien in Tansania zur Zeit 300 pro 1.000.000 Personen (das wäre eine Rate von 0,03%), die Kopftuch-tragenden Frauen Sansibars werden als "verschleiert" bezeichnet und angeblich ist Stonetown bereits seit 1988 Weltkulturerbe (richtig ist das Jahr 2000). Selbst die Liste der Fluglinien ist mit dem Fehlen ausgerechnet von "Emirates" unvollständig. Und diese Liste ließe sich fast beliebig fortsetzen.
Im Bereich "Literatur" wird Said Achmed Mohammed "als der bekannteste Autor Sansibars" bezeichnet (natürlich ist es Abdulrazak Gurnah, der einzige aus Sansibar bzw. Tansania stammende Autor von Weltrang) und peinlicherweise gar zweimal "Sansibar oder der letzte Grund" von Alfred Andersch als "Hintergrundliteratur" für einen Sansibar-Besuch empfohlen. Bekanntlich hat der Roman überhaupt nichts mit dem realen Sansibar zu tun.
Nicht zu entschuldigen ist aber das unverantwortlich schlampig geschriebene Kapitel über Impfungen und Malaria. Da wird die Cholera-Impfung empfohlen (die WHO rät bereits seit über 10 Jahren davon ab) und die seit vielen Jahren wegen ihrer Wirkungslosigkeit schon fast vergessenen Mittel Resochin/Paludrine feiern überraschend Wiederauferstehung. Mefloquin wird als "ähnliches Produkt wie Lariam" bezeichnet, "aber etwas schwächer" (Mefloquin ist Lariam!) und schließlich fälschlicherweise behauptet: "Wer Lariam allerdings zur Prophylaxe einnimmt, kann es nicht mehr zur Behandlung nutzen".
Was nützt das beste Konzept, das schönste Buch, wenn der Inhalt falsch ist?

