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Staatsbesuch in Deutschland

Foto: Bundespräsidialamt
Empfang des tansanischen Staatspräsidenten Benjamin Mkapa durch Bundespräsident Johannes Rau in Berlin
Foto: Bundespräsidialamt

Rede des Präsidenten der Vereinigten Republik Tansania, Seiner Exzellenz Benjamin William Mkapa, bei einem Staatsbankett gegeben zu seinen Ehren vom Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland, Seine Exzellenz Herr Prof. Dr. Johannes Rau am 22. September 2003 im Schloss Bellevue, Berlin

Hinweis: Der Bundespräsident wurde beim Staatsbankett vertreten durch den amtierenden Präsidenten des Bundesrates, den Ministerpräsidenten des Landes Sachsen-Anhalt, Prof. Dr. Wolfgang Böhmer.

Eure Exzellenz, Herr Bundesratspräsident Professor Dr. Wolfgang Böhmer Verehrte Gäste, sehr geehrte Damen und Herren!

Dies ist nicht mein erster Besuch in Deutschland und Berlin. Aber anders als in der Vergangenheit, als ich meine Vorgänger im Amt - die Herren Mwalimu Julius Nyerere und Alhaj Ali  Hassan Mwinyi - begleitete, bin ich heute hier in meinem Amt als Präsident der Vereinigten Republik Tansania.

Es ist mir eine Ehre und Freude hier zu sein, denn jetzt kann ich selbst die neue Bundesrepublik Deutschland, wie sie nach dem Kalten Krieg Gestalt annahm, besuchen, wie auch ein wiedervereinigtes, sichtlich blühendes und wandelndes Berlin. Meine herzlichsten Glückwünsche dazu!

Meine Gattin und ich möchten uns bei Herrn Bundespräsident Rau und Frau Gemahlin für die freundliche Einladung bedanken, durch die sichergestellt worden ist, dass seit der Unabhängigkeit unseres Landes jeder Präsident Tansanias diesem großen Land einen Staatsbesuch abstatten konnte. Dieser Besuch gibt Ihnen und mir die Gelegenheit, dass auch wir unseren Teil leisten können zur Förderung und Festigung der sehr langen Beziehungen unserer beiden Länder und Völker in Freundschaft und Zusammenarbeit.

Foto: Peter Harke
Benjamin Mkapa und Gattin neben dem Präsidenten des deutschen Bundesrates und Ministerpräsidenten von Sachsen-Anhalt, Professor Dr. Wolfgang Böhmer, und Begleitung vor Schloß Bellevue

In unserer Landessprache Kisuahili gibt es ein Sprichwort, das besagt, „Einen schönen Tag erkennt man bereits des morgens.“ Und dieser Tag, der Morgen meines Staatsbesuchs in der Bundesrepublik Deutschland, hat mir gezeigt, dass dies in der Tat ein sehr angenehmer und fruchtbarer Besuch sein wird. Bereits bei unserer Ankunft heute morgen hat man uns mit Wärme und voll Gastfreunschaft empfangen. Auch möchte ich Ihnen, Herr Bundesratspräsident, für die freundlichen Worte danken, die Sie heute Abend über mich und mein Land gesprochen haben.

Herr Bundesratspräsident, die jeweilig einander folgenden Regierungen der Bundesrepublik Deutschland haben uns die Hand in Freundschaft und wirtschaftlicher Zusammenarbeit gereicht. Wir bedanken uns recht herzlich für diese Großzügigkeit.

Die weitreichenden politischen und wirtschaftlichen Reformern, die wir in Tansania mit bestätigtem Erfolg und mit Ihrer Unterstützung begonnen haben, zeigen unsere beiden Länder und Völker mit neuen, noch nicht da gewesenen Möglichkeiten für ein vertieftes Engagement in Handel, Investitionen, im Tourismus, Wissenschaft und Technik und auf vielen anderen Gebieten.

Die Welt verändert sich und so müssen das auch Art und Inhalt unserer Beziehungen in aller Offenheit und Transparenz. Ich habe Beziehungen im Blick, die uns in Tansania vorwärts bewegen, weg davon, ein bei weitem Hilfe empfangendes Land zu sein, und in Richtung einer Entwicklungspartnerschaft, die zunehmend auf Investitionen und Handel basiert.

Dies bedeutet zweierlei: Erstens müssen wir in Tansania die von uns eingeleiteten Initiativen aufrecht erhalten, um das richtige politische Umfeld zu schaffen, aber auch das passende Investitions- und Handelserleichterungsregime, das diesen Übergang erleichtert und allseitig lohnend macht. Zweitens müssen wir das Engagement und die Unterstützung unserer anderen Entwicklungshilfe-Partner begrüßen, die uns unterstützen, unsere Kapazitäten aufzubauen und das Profil, Handelsstärke, Investitionen und Tourismus in unseren Beziehungen zu stärken. Von Vorrang sind hier die Versorgungszwänge in der Infrastruktur, die Kapazitäten in öffentlichen Versorgungseinrichtungen und menschlichen Ressourcen.

Foto: Peter Harke
Filmemacherin Annette Wagner ("Die da laufen") im Gespräch mit Filmemacher und Buchautor Martin Baer ("Eine Kopfjagd") und Freundin beim Staatsbankett in Schloß Bellevue

Es ist mir eine Freude festzustellen, dass die Konzessionserteilung für die Wiederherstellung und Verwaltung des Wasserversorgungs- und Abwassersystems in Dar es Salaam an ein Konsortium vergeben wurde, dem neben der deutschen Firma Gauff Ingenieure und der britischen Firma Biwater International auch ein heimischer Geschäftspartner angehört. Ich würde es gern sehen, wenn sich diese Art von Zusammenarbeit und Partnerschaft noch steigern würde - eine Zusammenarbeit, die nicht nur unsere öffentlichen Versorgungseinrichtungen, Infrastruktur und sozialen Dienstleistungen fördert, sondern auch zum Technologie- und Wissenstransfer führt und unsere lokalen menschlichen und institutionellen Kapazitäten aufbaut.

In meiner Eigenschaft als Vorsitzender der Southern African Development Community (SADC) bin ich erfreut, dass sich die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und der SADC verstärken. Nur vor drei Wochen wurden in Bonn die jährlichen Verhandlungen über wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen SADC und der Bundesrepublik Deutschland abgehalten. Der Schwerpunkt lag auf Kapazitätsaufbau für Menschen und Institutionen. Das ist zeitgerecht, da es die regionale Zusammenarbeit und die förderliche Integration der SADC-Länder in das globale Handels- und Investitionssystem betrifft und ich werde diesen Prozess von ganzem Herzen unterstützen.

Ein Diskussionsthema in diesen Verhandlungen war die HIV/AIDS Seuche. Es war mir eine große Freude festzustellen, dass zwischen beiden Seiten Einigkeit über das Bedürfnis herrscht, das ganze Spektrum von Interventionsmaßnahmen zur Hauptsache zu erklären, nämlich von den Maßnahmen, die nötig sind, um alle Aspekte der HIV/AIDS Seuche in umfassender Weise anzugehen, und die schließen Vorbeugung, Behandlung und Bewältigung von HIV/AIDS ein.

In dieser Beziehung möchte ich mich bei Deutschland für die Unterstützung bedanken, die es dem Weltfonds für HIV/AIDS, Malaria und Tuberkulose in der Vergangenheit geleistet hat, ebenso für die Verpflichtungen, die es auf der letzten Konferenz in Paris im Juli eingegangen ist.

Foto: Peter Harke
Benjamin Mkapa im Gespräch mit Prof. Dr. Wolfgang Böhmer

Wir, die wir im Epizentrum all dieser Krankheiten leben, sind besonders besorgt über die Tatsache, dass die Erfordernisse des Weltfonds - bis zum Ende 2004 belaufen sie sich auf 3 Milliarden US Dollar - bei weitem noch nicht gesichert sind. Wir machen einen verzweifelten Aufruf an die  Völkergemeinschaft, den notwendigen politischen und öffentlichen Willen zu bekunden, doch die Menschenleben zu retten, die sonst unnötigerweise vergehen müssen, weil die armen Länder nicht in der Lage sind, selbst die Kosten für das geistige Eigentum bezüglich Vorbeugung, Versorgung und    Bewältigung tragen zu können.

Ein dunkles Mal unseres Kontinents ist das von Konflikt und Instabilität, was zu unnötigem Tod und Leid führt, aber auch nationale und regionale Anstrengungen und Ressourcen ableitet, weg von der Entwicklung und hin zu Krieg und Konflikt. Die Region der Großen Seen ist eine solche in unserer unmittelbaren Nachbarschaft. Zu unserer Freude schlägt die Stabilität in Ruanda Wurzeln. Hoffnung gibt uns der Fortschritt, den die    Demokratische Republik Kongo macht, wo sich eine neue Übergangsregierung der Nationalen Einheit konstituiert hat. Für MONUC besteht die jetzige Herausforderung darin, mit dem neuen robusten Mandat weiter gestärkt zu werden.

Eine befriedete Demokratische Republik Kongo kann sich auf die Herkulesarbeiten von Wiederversöhnung und Wiederaufbau konzentrieren. Die Regierung der Demokratischen Republik Kongo braucht ebenso dringlich die Unterstützung der Region und aller reichen Länder, um eben die Institutionen wiederaufzubauen, die zur effektiven Ausübung der Regierungsgeschäfte notwendig sind. Dies ist in sich selbst ebenfalls eine Voraussetzung für Frieden, Sicherheit, regionale Zusammenarbeit und Entwicklung in der Region der Großen Seen. Tansania wird in diesem Prozess weiterhin eine proaktive Rolle spielen.

Foto: Peter Harke
Rudolf Blauth, Vorsitzender des Freundeskreises Bagamoyo e.V. (Mitte), im Gespräch mit Filmemacher Martin Baer (links)

Herr Bundesratspräsident, alle von uns, arm und reich, haben nur ein Zuhause, wir alle teilen uns diese Welt. Wir leben in einer Welt: die einen reich, die anderen arm, die einen stark, die anderen schwach, die einen groß, die anderen klein. Vor langer Zeit haben wir aber erkannt, dass es im Interesse aller ist, dass unsere Beziehungen und Interaktionen auf zwischen souveränen Staaten ausgehandelten Richtlinien, Regeln und Vorschriften basieren sollten, und von diesen sollten sie auch geleitet sein..

Ich glaube, es war Albert Einstein, der gesagt hat: „Wenn sich der Mensch als Individuum dem Ruf seiner elementaren Instinkte unterwirft, den Schmerz meidet und nur nach der Zufriedenheit des eigenen Ichs sucht, dann muss das Ergebnis für die Gesamtheit der Zustand von Unsicherheit, Angst und verbreitetem Elend sein.“

Für über ein halbes Jahrhundert haben uns die Vereinten Nationen ein - nicht ganz perfektes - Rahmenwerk gegeben, aber ein Rahmenwerk, um unsere nationalen Gelüste für atavistische Kriege und gewaltsame Auseinandersetzungen zu zügeln. Geachtete und umgestaltete Vereinte Nationen sind der Schlüssel zu starkem Multilateralismus und zu vielseitigen, ungebundenen Zuwendungen für internationale wirtschaftliche Zusammenarbeit, zu Friedenserhaltung und Friedenschaffung.

Eine Reform ist dringend erforderlich, wenn man die Realitäten der Welt von heute betrachtet, einer Welt, so vollkommen anders, als die 1945. Ihr Land feiert zur Zeit die 30-jährige Mitgliedschaft in den Vereinten Nationen. Wir gratulieren Ihnen und möchten unsere Hoffnung und Unterstützung zum Ausdruck bringen, dass Ihre wichtige Rolle in dieser Organisation anerkannt wird und dass ein angemessenes Profil Ihres Landes entsprechend wiedergegeben wird.

Foto: Peter Harke
Filmemacherin Annette Wagner (links) im Gespräch mit Monika (Mitte) und Rudolf Blauth. Im Hintergrund Pfarrer Helmut Krieg, Nordelbische Evangelisch-Lutherische Kirche

Herr Bundesratspräsident, lassen Sie mich in meiner Schlussbemerkung dem deutschen Volk und seinen jeweiligen Regierungen die verdiente Hochachtung bekunden. Aus der Asche des Zweiten Weltkrieges und aus der Teilung während des Kalten Krieges haben Sie eine vereinte, starke Bundesrepublik Deutschland wieder aufgebaut. Heute sind Sie nicht nur Europas größte    Wirtschaftsmacht und volkreichste Nation, Sie sind ebenfalls ein Schlüsselmitglied der Organisationen des Kontinents, sei es in Wirtschaft, Politik oder Verteidigung.

Wir, Ihre langjährigen afrikanischen Freunde, schauen auf Sie und die positive und konstruktive Rolle, die sie in der Europäischen Union und den G-8 spielen, um Länder wie das meine geachtetere und wichtigere Akteure im fortschreitenden Globalisierungsprozess werden zu lassen. Wir bitten mehr um Solidarität als um Wohltätigkeit.

Johann Wolfgang von Goethe, einer der größten westlichen Literaten, hat gesagt: „Wenigstens einmal am Tag sollte man ein kleines Lied hören, ein gutes Gedicht lesen, ein schönes Bild betrachten, und, wenn möglich, ein paar vernünftige Worte sprechen.“

Foto: Jürgen Gebhart
Der tansanische Staatspräsident Benjamin Mkapa und Frau sowie Bundespräsident Johannes Rau und Frau vor Schloß Bellevue

Ich kann stolz darauf sein, heute ein Lied gehört zu haben, ein gutes Gedicht gelesen zu haben, und viele schöne Bilder in Berlin, und eben auch in diesem Schloss, gesehen zu haben. Aber ich bin mir nicht so sicher, ob ich heute ein paar Worte gesprochen habe, die im Land der Dichter und Denker als vernünftig angesehen werden.

Darf ich sie jetzt bitten, sich zu erheben und mit mir diesen Toast auszubringen:

Auf die bleibende Freundschaft und Zusammenarbeit zwischen Tansania und der Bundesrepublik Deutschland.

Ich bedanke mich für Ihre freundliche Aufmerksamkeit.