Interview mit dem Musiker Wolfgang Niedecken (BAP) über Afrika:
"Afrika ist ein unglaublich widersprüchlicher, vielschichtiger Kontinent"
Als einer der prominenten Botschafter der Aktion „Gemeinsam für Afrika“ versuchst Du, dem von Krisen, Kriegen und Krankheiten geschüttelten Kontinent zu helfen...
Niedecken: Ich bin mir bewusst, dass ich da nur als Marktschreier Sinn mache. Ich kann bei weitem nicht so viel tun, wie ich gerne tun würde. Ich würde sehr gerne viel, viel mehr tun. Wenn ich nach Afrika gehen wollte, um vor Ort zu helfen – in irgendeinem Krankenhaus oder beim Hütten bauen - würde ich schnell an meine Grenzen stoßen. Also mache ich das, was ich am besten kann.
Die eigene Popularität einsetzen, um in Deutschland auf das Leid aufmerksam zu machen. Trotzdem: Geht Afrika in den deutschen Medien nicht ziemlich unter? Kaum jemand redet zum Beispiel über Aids in Afrika. Dabei fordert allein diese Krankheit 6000 Opfer pro Tag. Wie haben Sie das vor Ort erlebt?
Also: Es war wirklich ein Schocker. Das habe ich in dem Stück „Dreimohl zehn Johre“ auf unserer neuen CD auch geschrieben: „Ich habe kurz in die Hölle geguckt.“ Es war so. Es war genau so. Es war das Härteste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe. Da waren diese Camps, wo ehemalige Kinder-Soldaten resozialisiert werden sollen...
Das war in Gulu, einer Provinzhauptstadt im Norden von Uganda?
Genau. In der Region ist das Terrorregime des Warlords Joseph Kony aktiv, der die Menschen raubend, mordend und vergewaltigend davon abhält, ihre Felder zu bestellen und ein normales Leben zu führen. Das trifft besonders die Unschuldigen und Schwachen. Über 25000 Kinder hat die LRA entführt, um sie als Kindersoldaten und Sexsklaven zu missbrauchen.
„World Vision“, eine der Hilfsorganisationen von „Gemeinsam für Afrika“, hat dort jetzt eine riesige Zeltstadt für Flüchtlinge aufgebaut...
Jeden Abend vor Einbruch der Dunkelheit kommen die Kinder, die eine Distanz von bis zu zehn Kilometern hinter sich bringen müssen, um wenigstens eine Nacht sicher schlafen zu können. Da sind sie dann auch bewacht vom – nicht ganz unkorrupten - ugandischen Militär, damit ihnen wenigstens nachts die Rebellen nicht an die Haut können. Am nächsten Tag gehen sie zurück und wissen nicht, ob ihre Eltern noch leben.
Das hast Du vor Ort erlebt?
Ich habe diese Züge gesehen, diese allabendlichen Trecks bei Einbruch der Dunkelheit. Jedes Kind hat maximal eine Iso-Matte überm Kopf, irgend ´nen Pott mit was zu essen, Flipp-Flopps an den Füßen. So kommen die an. Tausende. Am nächsten Tag gehen sie wieder zurück. Es ist unfassbar. In welch’ gebrochene Augen man da guckt, das kann man sich nicht vorstellen. Auch wenn man schon tausend Filme drüber gesehen hat. Wenn man da steht und sieht die Kinder, Mädchen im Alter von 16 Jahren, selbst mit Aids infiziert und drei Aids-infizierte eigene Kinder mit dabei... Ich habe furchtbare Wunden gesehen, verkrüppelte Gliedmaßen, Narben, die man nicht beschreiben kann. Aber was mich am meisten bewegt hat, was mich verfolgt, sind die gebrochenen Augen dieser Kinder. Solche gebrochenen Blicke, die vergisst du nicht.
Und trotzdem tanzen sie, wenn Wolfgang Niedecken für sie Gitarre spielt.
Ja, trotzdem tanzen sie.
Du hast in Uganda ein Konzert vor 20.000 Flüchtlingen gegeben, von der Ladefläche eines umfunktionierten Lasters herunter. Deine Texte wurden übersetzt vom Kölsch ins Hochdeutsche, vom Deutschen ins Englische, vom Englischen dann in den ugandischen Dialekt Acholi.
Dort zu singen, bedeutet für die Menschen Hoffnung. Ein Musiker-Kollege aus Afrika hat zu mir gesagt: „Es ist gut, dass Du hier spielst. Es wird in den Zeitungen stehen und im Fernsehen berichtet werden, dass in Gulu vor 20.000 Flüchtlingen ein deutscher Rockstar auftritt.“
Was erwarten die Menschen in Afrika von Dir?
Auf meiner Reise durch Uganda habe ich den Menschen immer wieder versprechen müssen, sie nicht zu vergessen und in meinem Land dafür zu sorgen, dass ihre Probleme und Nöte nicht in Vergessenheit geraten. Mit meinem Engagement für „Gemeinsam für Afrika“ möchte ich dieses Versprechen einhalten. Aber es geht dabei nicht nur um Uganda, um die Camps von Gulu...
Im Dezember 2004 warst Du mit Bundespräsident Horst Köhler in Sierra Leone und im Benin. Wie ist die Lage dort?
Also in Sierra Leone ist der Bürgerkrieg gerade vorbei. Und die Menschen sind mit ihren unglaublichen Verletzungen allein gelassen. Da gibt es Männer, denen sie die Arme abgehackt haben, damit sie nicht wählen gehen können. Nicht nur ein paar. Unmengen. Die leben in einem Camp. Mittlerweile waren alle Prominenten da und haben sich mit denen fotografieren lassen. Aber die Jungs haben immer noch nichts. Die wissen noch immer nicht, was sie tun sollen. Die haben keine Hände mehr. Versuch’ mal, deine Familie zu ernähren, wenn du keine Hände mehr hast.
Haben die Hilfsorganisationen überhaupt eine Chance, bei der Problemlösung zu helfen?
Es gibt sehr gute Hilfsorganisationen. Das habe ich bei meinen Besuchen in Afrika gelernt. Auch kirchliche Organisationen, bei denen ich vorher gedacht hatte: „Um Gottes Willen, jetzt fahren die da hin und gehen den Leuten auch noch mit Religion auf den Wecker. Die haben doch schon genug Probleme.“
Aber es geht nicht ums Missionieren?
Nein, überhaupt nicht. Ich habe da immer wieder klasse Erlebnisse gehabt. Ich werde nie die Nonne vergessen, die war da in einer Lepra-Station zu Gange – das ist auch hart, so eine Lepra-Station – und ich unterhielt mich dann mit ihr auf Englisch so radebrechend über das Thema mit dem Papst. Ich sagte: „Kondome sind das wirksamste Mittel gegen Aids in Afrika. Wenn man noch die Kondome verbietet, dann geht das geradewegs in die Katastrophe.“ Und dann guckt mich die Nonne an, wischt sich den Schweiß ab und sagt: „You know: We are in Africa, the Pope is in Rome! Okay?“
Du engagierst Dich schon jahrelang für Afrika. Das ging schon los mit der Live-Aid-Bewegung von Bob Geldof und dem deutschen Hilfssong „Nackt im Wind“, zu dem Du den Text und Herbert Grönemeyer die Musik geschrieben hat. Das war 1984. Gut zwanzig Jahre später reist Du wieder nach Afrika – und es ist eher schlechter als zuvor...
Also Afrika ist ein unglaublich widersprüchlicher, vielschichtiger Kontinent. Der größte Horror ist immer, wenn einer von mir verlangt, ich solle ihm mit zwei Sätzen Afrika erklären. Das ist unmöglich. Das geht wirklich nicht. Man muss viel lesen, man muss sich zu dem Thema bilden. Man muss neugierig bleiben. Wirklich Ahnung von Afrika habe ich auch nicht. Ich kenne nur eine dünne, dünne Oberfläche. Ich kenne aber Gott sei Dank Leute, die sehr viel wissen. Und die frage ich dann. Ich kann jederzeit den Hans-Christoph Buch anrufen, das ist ein Journalist, der Bücher schreibt über Afrika, der dort als Korrespondent für die „Zeit“ arbeitet. Den Hans-Josef Dreckmann kann ich auch fragen, der war mit jetzt bei dieser Reise mit dem Bundespräsidenten mit dabei. Er hat lange das Afrika-Büro vom WDR in Nairobi geleitet. Der weiß alles, den kannst Du zu jedem Thema fragen. Wenn Du hinter diese Zusammenhänge kommen willst, musst du fragen. Und die Möglichkeit, was mitzukriegen, ist da. Auch wenn unsere Medien Afrika nicht gerade featuren...
Eben. Das Interesse in Deutschland ist, wie gesagt, nur sehr begrenzt...
Leider. Aber wenn man einmal die Antenne ausgefahren hat, kriegt man immer wieder was mit. Jetzt läuft zum Beispiel in den Kinos der Film „Der ewige Gärtner“. Eine Verfilmung des John-Le-Carré-Buches über die Pharma-Industrie in Afrika und was die da anrichten. Ich glaube, in den Film muss man alle schicken. Also dieser Film wird wahrscheinlich schon mehr bewirken, aber meist kriegen Filme über Afrika kein Massenpublikum. Solche Sachen laufen nur in kleinen Programm-Kinos und man ist froh, wenn die über eine Woche es schaffen. Da gab auch neulich diesen unglaublichen Film – wie hieß er? – „Darwins Alptraum“. Habt Ihr den gesehen?
Da geht’s um das Leben von Fischern am Victoria-See...
Ja, genau. Was da abgeht. Mit welcher Konsequenz. Unfassbar. Das war schon erschütternd.
Aber wenn es engagierte Menschen wie Dich nicht gäbe, würden bei den meisten Menschen die Antennen für Afrika drin bleiben...
Dann muss man die Antennen halt rauskitzeln. Was in Afrika passiert, ist unfassbar. Erschütternd. Wenn du ein mal da warst und wenn du nur einem Kind in die Augen geguckt hast, und du weißt: „Dem kannst du helfen.“ – dann musst du das tun.
Wie kann man von Deutschland aus helfen?
Man kann gute Hilfsorganisationen unterstützen. Zum Beispiel die, die in „Gemeinsam für Afrika“ zusammengeschlossen sind. Man kann sich auch über Geldspenden hinaus engagieren und mitarbeiten. Es gibt viele Möglichkeiten. Jeder kann helfen. Ich habe mit eigenen Augen das Leid in Afrika gesehen. Aber ich habe auch erlebt, mit welcher Energie und welchem Mut die Menschen dort ihre schwierige Situation zu verbessern versuchen. Dabei müssen wir sie unterstützen.
Vielen Dank für das Gespräch!
(Ein Interview von Rainer Maier in "Frankenpost" v. 4.3.2006)
Zur Person:
Wolfgang Niedecken, 54, gründete vor genau 30 Jahren die Gruppe BAP, die seitdem 20 Platten aufgenommen und viele Millionen Alben verkauft hat. Wolfgang Niedecken gehört zu den bekanntesten Musikern Deutschlands. Songs wie "Waschsalon", "Verdamp lang her" oder "Kristallnaach" sind längst Kult. BAP trat als erste westliche Rockband in China auf, feierte Erfolge in der Sowjetunion und erhielt wegen kritischer Äußerungen Auftrittsverbot in der DDR.
Wolfgang Niedecken erhielt für seine Tätigkeit als Aktivist der Anti-Rassismus-Kampagne "Arsch huh, Zäng ussenander" das Bundesverdienstkreuz und ist seit 2004 Botschafter der Künstlerkampagne "Gemeinsam für Afrika". BAP wirkte auch an dem von Bob Geldof ins Leben gerufenen und weltweit übertragenen "Live-Aid-Konzert" in Berlin mit und hielt vor wenigen Wochen die Laudatio auf Bob Geldof anläßlich dessen Auszeichnung mit der Goldenen Kamera in Berlin.
Am 15. März 2006 startet BAP im Tempodrom in Berlin eine "Greatest Hits Tournee", die die Kölner Musiker zwei Jahre lang in über 100 Städte führen wird. Über 100.000 Tickets sind für diese Tournee bereits verkauft.
Weitere Infos über BAP und die "Greatest Hits Tournee 2006/07"






