Cuxhavener Nachrichten: Faszinierende Aufführung im Fort Kugelbake (27.06.2005)
Künstlergruppe "Das Letzte Kleinod" spielt dokumentarisches Stück 'Mkono wa damu - the man with blood on his hands' / Großer Beifall für Uraufführung
Auf so eindringliche Art und Weise wie am vergangenen Freitagabend ist das historische Küstenfort Kugelbake sicherlich noch nie bespielt worden. Mit einer aus vielerlei Hinsicht faszinierenden und vielschichtigen Inszenierung überraschte die Künstlergruppe "Das Letzte Kleinod" aus Schiffdorf jetzt ihr Publikum mit ihrem neuesten Projekt. Regisseur Jens-Erwin Siemssen hat dort direkt hinter dem Döser Seedeich das dokumentarische Stück 'Mkono wa damu - the man with blood on his hands' mit einem international besetzten Ensemble verwirklicht und dabei die künstlerischen Darstellungsformen Schauspiel, Gesang, Musik und Tanz geschickt miteinander verwoben.
Der spannende Plot hat zudem dokumentarische Züge. Siemssen erzählt die Geschichte von Carl Peters, der, in Neuhaus an der Elbe geboren, im Jahr 1884 mit einer Expedition nach Ost-Afrika aufbrach, um dort eine deutsche Kolonie zu gründen. In Afrika angekommen, zwangen Peters und seine Gefolgsleute die Stammesfürsten mit Waffengewalt zu Abtretungsverträgen und stellten viele Gebiete unter deutsche Verwaltung. Siemssen hat sich im März dieses Jahres nach Sansibar aufgemacht, um sich mit Menschen vor Ort zu unterhalten. Diese Vorgehensweise wählte er schon einmal für seine mit dem niedersächsischen Theaterpreis 2003 ausgezeichnete Produktion "MorrinÞa", die seinerzeit im Fischversandbahnhof gespielt wurde.
Anhand seiner in Afrika geführten Interviews und unter Einbeziehung zeitgenössischer Literatur, Musik und Fotos vom Ende des 19. Jahrhunderts hat er mit 'Mkono wa damu' eine Erzählung entwickelt, die er mit tansanischen und deutschen Künstlern im Fort Kugelbake uraufführte. Der Spielort entpuppte sich dabei nicht nur aus inszenatorischen Gesichtspunkten als ideal, sondern hat - wie immer bei Siemssen - direkt etwas mit der Erzählung zu tun. Das Fort wurde 1870 als Marinefestung angelegt. Es sollte die Elbemündung vor den Engländern schützen, die ihrerseits eine Festung auf der Hochseeinsel Helgoland unterhielten. Im Helgoland-Sansibar-Vertrag von 1890 wurde der Verzicht des Deutschen Reiches auf Sansibar und die Rückgabe Helgolands an Deutschland besiegelt.
Die Darsteller-Riege mit Asha Halfan Sengwira, Birgit Wieger, Catherine John Mponda, Corinna Langer, John Francis Gambula, Shaaban Juma Bakari, Yvon van den Akker und Kirsten Schötteldreier (Gesang) verstand es am Freitag vortrefflich, die Zuschauer auf den Kontinent Afrika zu entführen. Mit einem Minimum an Requisite auskommend, die so vielseitig wie selten immer neu ins buchstäblich fesselnde Stück einbezogen wurde, betrieben die "deutschen Kolonialherren" ihr düsteres Spiel. Jens-Erwin Siemssen nutzte dafür die gesamten Ebenen des Forts, da, zeitweise in diffuses Licht getaucht, eine unheimliche Atmosphäre entwickelte. Auch die Innengänge und Kasematten der festung, die für die Zuschauer nur stückchenweise einzusehen waren, wurden ins Spiel mit einbezogen. Das Ensemble tanzte, sang, kämpfte und sprach in Deutsch, Englisch und Kisuaheli und offenbarte die ganze Brutalität der deutschen Besatzer, die einem gelegentlich eine Gänsehaut bescherte. Wenn auch nicht ausgesprochen, war die Botschaft des Stückes doch unüberhörbar: Wir Menschen haben allesamt achtsam zu sein!

