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Ahlener Zeitung: In Tansania sollte man lieber dreimal nach dem Weg fragen (17.08.2005)

Ahlen (amendy). Wo lässt sich zurzeit in Ahlen am eindrucksvollsten ein Buch über Afrika präsentieren? Natürlich auf der Zeche Westfalen. Dort vermag man in die "Zauberwelt der Sinne" einzutauchen und kann ein nachgebautes afrikanisches Dorf besuchen. Diese günstige Gelegenheit ließ sich VHS-Leiter Rudolf Blauth nicht entgehen. Denn für Sonntagnachmittag lud er dorthin den mehrfach preisgekrönten Autor Hermann Schulz ein, der sein Buch "Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt" mitgebracht hatte. Der Titel zitiert ein Sprichwort aus einigen Gegenden Afrikas, welches bei Gefahr oder wenn es schon zu spät ist angewandt wird.

Foto: Peter Harke
Trotz des Trubels ringsum verschaffte sich Hermann Schulz bei seiner Lesung im "Afrikanischen Dorf" Gehör. (Foto: Reinhard Baldauf)

Im Gegensatz zu Karl May kennt Hermann Schulz das Land, über das er schreibt, denn er wurde dort geboren. In Deutschland ging er zunächst einem bürgerlichen Beruf nach, und zwar als Leiter des Peter Hammer Verlages in der Nachfolge von Johannes Rau. Als Schriftsteller ist er ein "Spätberufener". Obwohl oder weil aus der Branche, fehlte ihm das nötige Selbstbewusstsein. Erst mit 58 Jahren wagte er sich ans Schreiben, und zu seinem 60. Geburtstag erschien sein erstes Buch. Inzwischen sind es zwölf, manche in mehreren Sprachen übersetzt.

Der vorgetragene Text, eine Mischung aus Realität und Fiktionalität, spielt in einer Gegend, die früher als Deutsch-Ostafrika zum Deutschen Reich gehörte. 1922 kam es als Völkerbundsmandat an Großbritannien und verblieb dort ab 1946 als UN-Treuhandgebiet. Unter dem Namen Tanganjika erfolgte 1961 die Entlassung in die Unabhängigkeit. Tanganjika schloss sich 1964 mit Sansibar und Pemba zur Vereinigten Republik von Tansania zusammen. Sie zählt zu den ärmsten Ländern der Erde.

Im Mittelpunkt der Erzählung stehen der deutsche Geologe Dr. Egon Kirschstein, ein erfolgloser Gold- und Diamantensucher, seine analphabetische tansanische Frau Masita und aus seiner zahlreichen Kinderschar der gewitzte elfjährige Temeo, aus dessen Perspektive alles gesehen wird. Hermann Schulz diskutiert nicht die materiellen Verhältnisse, die fließen quasi nebenbei ein, sondern macht mit Alltagssituationen die Mentalität der Leute deutlich. Beispielsweise unterhalten sich die Tansanier gerne, und wenn kein Unterhaltungsstoff greifbar ist, kann es passieren, dass man mehrmals dieselben Fragen und Antworten hört, bis man wieder ein neues Thema gefunden hat. Wenn man sich nach dem Weg erkundigt, sollte man das tunlichst dreimal tun, denn ein Tansanier würde nicht zugeben, dass er den Weg nicht kennt, sondern, wie er meint aus Höflichkeit, in irgendeine Richtung weisen. Auch die Essgewohnheiten differieren zuweilen fundamental. Als Temeo bei einem Weißen Salat vorgesetzt bekommt, bedauert er ihn insgeheim, weil jener keine Kenntnis davon hat, dass man Salat kochen muss. Dafür finden tansanische Jugendliche nichts dabei, Ameisen zu essen, was ihnen notwendige Proteine zuführt. Sogar ein europäisches Kind lässt sich davon anstecken. Den Frauen überträgt man die Feldarbeit, weil sie die angeblich besser als Männer verrichten.
War und ist die Staatwerdung Tansanias kompliziert, so trifft das ebenfalls auf die metaphysischen Beziehungen seiner Einwohner zu. Temeo wurde aus praktischen Gründen evangelisch, weil er in eine evangelische Schule ging. Seine Mutter ist Muslima. Als Temeo, während sein Vater auf dem Sterbebett liegt, ein Stück Schweinefleisch geschenkt bekommt, fällt ihm unterwegs ein, dass seine Mutter dieses aus religiösen Gründen nicht essen darf. Er weiß sich zu helfen und sucht einen Zauberer auf, der in kurzer Zeit mit ein paar Sprüchen das Schweinefleisch in Ziegenfleisch verwandelt. Als solches bietet er es seiner Mutter an, und beide sind von der Umwandlung überzeugt, welche sie auch nicht weiter hinterfragen. Das nennt man Pragmatismus, in dem sich Islam, Christentum und Naturreligion ohne dogmatische Hemmungen konkurrenzlos ergänzen.

Hermann Schulz verstand es, seinen Text, trotz des ringsum weitergehenden Betriebs, seinen Zuhörern, die stilgerecht auf Holzblöcken saßen, verständlich und überzeugend nahe zu bringen. Mit angenehmer Stimme las er nicht einfach vor, sondern mischte Erzählung und Textpassagen. Man merkte ihm an, dass er hinter seinen Aussagen stand und nicht bloß routiniert referierte. Das gewann ihm die Aufmerksamkeit und das Interesse des jüngeren und älteren Publikums. WA