Aktuelle Situation
Tansania zählt immer noch zu den 25 ärmsten Ländern der Welt. Die in den letzten Jahren eingeleiteten und von den Geberländern geforderten Strukturreformen brachten marktwirtschaftliche Verhältnisse und ein Einsetzen des Wachstums nach den ersten freien Wahlen in der Geschichte des Landes im Jahre 1995.
Zwischen 1996 und 2002 wuchs das Bruttoinlandsprodukt durchschnittlich um 4,6 Prozent, zeigte in der Entwicklung weiter nach oben und lag 2005 bereits bei 6,3 Prozent. Noch im Jahre 1995 lag das BIP bei knapp 19 Mrd. US-Dollar, d.h. eine pro-Kopf-Erwirtschaftung von 650 USD. Die Weltbank und der Internationale Währungsfonds gewährten hohe Anschubfinanzierungen zur Modernisierung der völlig veralteten Infrastruktur.
Für die Jahre 2004 und 2005 wurde ein Wachstum von 5,5 bis knapp 6 Prozent prognostiziert - tatsächlich waren es im Jahre 2005 dann sogar 6,3 %. Ein wichtiger Faktor war, dass sich der Tourismus weiterhin positiv entwickelte (2008 erbrachten 770.000 Besucher eine Rekordeinnahme von 1,2 Mrd. US-Dollar).
Auch die weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise in den Jahren 2008 bis 2010 konnte das anhaltende Wirtschaftswachstum nicht bremsen. Allerdings sank es von 7,4 % (2008) auf 5,0 % (2009).
Die weiterhin positive Entwicklung verdankt Tansania (neben dem Tourismus, der im Krisenjahr 2009 allerdings Einbußen in Höhe von 10,6 % hinnehmen mußte) weiteren bedeutenden Funden und Erschließungen von Bodenschätzen wie Gold, Diamanten, Gas und demnächst auch noch Uran. Tansania stieg im Jahr 2009 zum drittgrößten Goldproduzenten Afrikas auf. Eine Fortsetzung des positiven Trends hing und hängt jedoch auch immer noch auch davon ab, ob die Weltmarktpreise für Gold und Agrarprodukte (in erster Linie Kaffee und Baumwolle) stabil bleiben. Im Jahr 2009 stiegen die Erlöse aus dem Goldexport jedenfalls noch einmal um 15,4 % auf 1,76 Mrd. US-Dollar.
Auch wenn das Wachstum im vergangenen Jahrzehnt vor allem durch eine Steigerung der Produktivität im Bergbau hervorgerufen wurde, hängt gleichwohl die Wirtschaftskraft Tansanias in erster Linie von der Landwirtschaft ab, die für die Hälfte des Bruttosozialproduktes verantwortlich ist, 85 Prozent der Exporte erwirtschaftet und in der 80 Prozent der Bevölkerung ihr Auskommen findet.
Die Inflation, die 2004 noch bei etwa 4 Prozent lag und damit bereits die niedrigste Rate seit 25 Jahren war, erhöhte sich im Jahr 2007 allerdings schon wieder auf 7,3 % und lag im Dezember 2008 sogar bei 13,5 % (Dezember 2009: 12,5 %). Als Ursache für die Inflation werden gestiegene Energie- und Transportkosten sowie eine Verteuerung der Lebensmittel angeführt, worunter vor allem die arme Bevölkerung leidet. Immerhin zum Vergleich: 1995 lag die Inflationsrate noch bei 30 %.
Im Jahr 2007 haben sich die Anstrengungen der Industriestaaten in der Entwicklungszusammenarbeit deutlich verbessert. Tansania ist nicht nur ein Schwerpunktland deutscher Entwicklungshilfe, sondern beispielsweise stellen auch die USA von 2008-2012 mit 698 Mill. US-Dollar für die Bereiche Straßen- und Eisenbahnbau, Wasser und Energie einen neuen Rekord auf.
Weitere Projekte sind z.B. der Ausbau der Elektrizitätsversorgung (111 Mill. USD überwiegend als Weltbank-Kredit) oder das neue, 17.000 km lange unterseeische Internet-Kabelprojekt, das unter Beteiligung der KfW im Januar 2010 den Anschluss auch von Tansania an das weltweite Netz hergestellt hat.
Das verstärkte Engagement der Industriestaaten bzgl. Tansania wird auch mit den Fortschritten in der Demokratieentwicklung und im Kampf gegen Bürokratie und Korruption begründet. Im Jahr 2009 häufte sich allerdings die internationale Kritik an der wieder rapide anwachsenden Korruption im Lande. Die letzte große Zuweisung der EU Ende 2009 ging einher mit der eindeutigen Warnung an die Regierung, die Bemühungen im Kampf gegen die Korruption wieder zu verstärken. Der Anti-Korruptionsindex des Jahres 2009, aufgestellt von Transparency International, zeigt einen Fall Tansanias nach zahlreichen Korruptionsskandalen (so z.B. bei der Nationalbank in einer gigantischen Millionenhöhe) und zunehmender Korruption im Alltag von Platz 94 (bislang beste Platzierung) auf Platz 126 - ein dramatischer Abfall, der von unabhängigen Journalisten, weiten Teilen der Bevölkerung und vielen Entwicklungshelfern als realistisch dargestellt wird. Nach den Kriterien von Transparency International muß Tansania weiterhin als "korrupt" bezeichnet werden.
Die aufgestockten Zahlungen und Kredite der europäischen und nordamerikanischen Staaten geschehen allerdings auch zunehmend vor dem Hintergrund einer Offensive Chinas in Schwarzafrika und in Tansania. Mit Blick auf die Rohstoffe finanzierte und finanziert China in Tansania zahlreiche Prestigeobjekte wie z.B. den Bau eines neuen Nationalstadions in Dar es Salaam.
Besonders erfreulich ist nach Jahren der Stagnation das stärkere Engagement des Auswärtigen Amtes in Sachen Bildung und Kultur. Im Herbst 2008 wurde das 10 Jahren zuvor aufgelöste Goethe-Institut in Dar es Salaam wieder neu eröffnet.
Im Laufe des Wechsels von Planwirtschaft auf Marktwirtschaft mußten die Armutsbekämpfungsprogramme Tansanias immer wieder angepaßt werden, weil die Liberalisierung als Aufforderung zur hemmungslosen Bereicherung mißverstanden wurde. Die öffentliche Verwaltung hat mit der Modernisierung nicht Schritt halten können, und das viele Geld, das in Tansania zu verdienen ist, hat die Korruption zeitweilig, inzwischen sogar wieder sehr drastisch ansteigen lassen. Immerhin wurde die Privatisierung ehemaliger Staatsbetriebe vorangetrieben.
Mit den Nachbarstaaten wurde eine Zollunion beschlossen, die den grenzüberschreitenden Handel fördern und in eine (von der EU unterstützten) Ostafrikanische Union mit Sitz im nordtanischen Arusha münden soll. Dennoch ist fast die Hälfte des tansanischen Haushalts geberfinanziert, und die im Haushalt als staatliche Investitionen aufgeführten Posten sind zu 85 Prozent "external funds". Und das Wirtschaftswachstum wird durch das Bevölkerungswachstum von 2,1 % (2008) zumindest etwas relativiert.
Politisch scheint Tansania von einer bemerkenswerten Stabilität gekennzeichnet - einmal abgesehen von den immer einmal wieder aufbrechenden Unruhen auf der Insel Sansibar. Wenn der afrikanische Sozialismus des Julius Nyerere auch wirtschaftlich verheerende Folgen zeitigte, hatte er doch nicht nur negative Seiten: Tansania hat heute eine nationale Identität, die dazu beiträgt, die ethnischen Rivalitäten im Zaum zu halten, und die damit eine Politik jenseits ethnischer Alimentierungsmentalität erst möglich macht.
Das größte Problem Tansanias stellt die Arbeitslosigkeit und damit ein Fortbestehen der Armut dar. Ein tansanischer Haushalt muß bis zu 70 Prozent seines Einkommens für Lebensmittel aufwenden. Nimmt man allerdings den Human Development Index (HDI) der Vereinten Nationen zum Maßstab, der sich weniger an Einkommen als an Lebenserwartung und Bildungsparameter orientiert, kommt Tansania aktuell auf den 151. Platz von 175 Ländern. Gleichwohl ist die Arbeitsmarktsituation in Tansania paradox: Trotz der hohen Arbeitslosigkeit von etwa 30 Prozent (offiziell sind es allerdings lediglich 5,1 % im Jahre 2005) haben Arbeitgeber Schwierigkeiten, qualifizierte Kräfte zu finden. Dabei sind mehr als die Hälfte der Arbeitslosen jünger als 30 Jahre, und wie in nahezu jedem afrikanischen Land ist eben diese Perspektivlosigkeit junger Menschen eine potentielle Zeitbombe.
(Hinweis: Der o.a. Text greift u.a. Passagen eines FAZ-Artikel zur Situation in Tansania auf)
Religionskriege und Bürgerkriege gibt es im Gegensatz zu anderen Ländern Afrikas nicht. Trotz der Kritik von Amnesty International (s. Amnesty Jahresbericht) in den Bereichen Albino-Morde, Pressefreiheit, Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie Haftbedingungen, zählt Tansania unbestritten zu den (nach afrikanischen Maßstäben) demokratischsten Ländern des schwarzen Kontinents. Die innenpolitische Lage ist recht stabil. Die Vielzahl der Zeitungen, die sich mit ihrer Kritik an der Regierung nicht zurückhalten, ist auch ein Ausdruck der relativen Pressefreiheit zumindest auf dem Festland. Ein undemokratisches und international kritisiertes Pressegesetz auf Sansibar hat hingegen u.a. zum Verbot unliebsamer Zeitungen geführt.
International auf die Anklagebank geriet Tansania mit den rituellen, von traditionellen Heilern in Auftrag gegebenen Morden an unter Albinismus leidenden Menschen (Albinos), was weltweit u.a. von mehreren UN-Organisationen scharf verurteilt wurde. Die im Amnesty-Jahresbericht 2009 noch wegen Untätigkeit kritisierte tansanische Justiz hat inzwischen mehrere Albino-Mörder zum Tode verurteilt. Die Regierung und die tansanische Zivilgesellschaft haben die Morde ebenfalls verurteilt, landesweit wurde alle Heilern ein vorläufiges Berufsverbot erteilt. Weitere Infos zu den Albino-Morden
Im Dezember 2005 fanden in Tansania nationale Präsidentschafts- und Parlamentswahlen statt. Die amtierende Regierungspartei CCM errang von den insgesamt 232 Parlamentssitzen 206 (88,8%). Die restlichen Sitze fielen an die Oppositionsparteien CUF mit 19 Sitzen (8,2%), Chadema mit 5 Sitzen (2,2%), sowie TLP und UDP mit jeweils 1 Sitz (0,4%). Neuer Staatspräsident wurde der bisherige Außenminister Jakaya Kikwete aus dem Bagamoyo Distrikt mit 9,1 Mill. Wählerstimmen in der Direktwahl (80,2%) vor Prof. Ibrahim Limpumba (CUF) mit 1,3 Mill. (11,6%), Freeman Mbowe (Chadema) mit 672.000 (5,9%) und Augustine Mrema (TLP)(0,7%) mit 84.000 Stimmen.
Die nächsten nationalen Parlaments- und Präsidentschaftswahlen finden im Oktober 2010 und werden mit Spannung, angesichts der zunehmenden Schere zwischen Arm und Reich aber auch mit zunehmender Sorge erwartet.
Das Bildungs- und Gesundheitswesen ist nach wie vor katastrophal. Viele Krankenhäuser verdienen diesen Namen nicht - vor allem die staatlichen Einrichtungen. Wer Geld hat, sucht die kirchlichen oder (noch besser) die privaten (teuren) Kliniken auf. Jährlich sterben Hunderttausende an Malaria, Aids, Cholera und anderen Krankheiten, die in manchen Regionen ganze Familien auseinanderreißen. Die Zahl der Aids-Waisen wird gegenwärtig auf über eine Million geschätzt.
Immerhin sind als Folge der mit der Entschuldung verbundenen Auflagen im Gesundheitswesen einige Fortschritte unverkennbar. Oft fehlt allerdings auch noch das ausgebildete medizinische Fachpersonal. Durch die kostenlose Verteilung von wirksamen Malaria-Medikamenten konnte die Malaria-Kindersterblichkeit im Jahr 2007 z.B. auf Sansibar um 75% reduziert werden. Ein in Tansania (u.a. in Bagamoyo) entwickeltes und getestetes Impfmittel gegen Malaria erweckt große Hoffnungen. Der im letzten Dezember von der WHO vorgelegte World Malaria Report 2009 stellt einen Rückgang der Malaria-Todesfälle in Tansania um 50 % fest.
Der Internationale Währungsfonds (IWF) erließ am 1.1.2006 neben 18 weiteren armen Ländern auch Tansania die Schulden. Das Abschreiben der Kredite kostet den IWF umgerechnet 2,8 Milliarden Euro. Auch die Weltbank und die afrikanische Entwicklungsbank wollen über einen Schuldenerlass entscheiden. Die reichen Länder versprachen bei der Jahrestagung von IWF und Weltbank im September 2005 in Washington, die ausfallenden Beträge zu ersetzen. Dafür musste auch Tansania eine gute makroökonomische Politik und Programme zur Armutsfinanzierung vorweisen.
Aktuelle Hinweise
- Tagesaktuelle Nachrichten aus Tansania
- Bestellen: Kostenlose "Tansania-News" des Freundeskreises Bagamoyo e.V. mit aktuellen Nachrichten, Kulturinfos, TV-Tipps, neuen Büchern, Reisehinweisen u.v.a.m. (ca. 20 Exemplare pro Jahr)
- Über das Land Tansania informiert auch hervorragend die Tansanische Botschaft in Bonn. Die Botschaft informiert außerdem über die Zusammensetzung der gegenwärtigen Regierung, über geschäftliche Fragestellungen, sowie über Möglichkeiten von Investitionen.
- Nachrichten aus Tansania in deutscher Sprache mit Übersetzungen aus verschiedenen tansanischen Tageszeitungen bietet das Ev. Missionswerk Neuendettelsau in seinem "Tanzania-Info"
- Wer direkt die Arbeit von Kooperativen oder Genossenschaften in Tansania unterstützen will, kann dies konkret tun, indem er TransFair oder GEPA-Produkte kauft, die jetzt auch online (www.gepa.de) bestellt werden können. Den Erlös dieser Produkte erhalten direkt die Produzenten vor Ort.
- Interessante Infos über Tansania bietet der Spiegel an.



